26.05.2015

# Kopfschmerz # L(i)ebenswert

[Gerede] Stell dich nicht so an, ist doch nur ein bisschen Kopfweh

Es gibt ja Leute, die haben einen sechsten Sinn dafür, in jedes bereit stehende Fettnäpfchen zu treten. Dabei ist das - wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann - selten böse Absicht, sondern eher eine Mischung aus Unwissenheit und erst-reden-dann-denken-Mentalität. Um dem ein wenig abzuhelfen, sind wir heute hier.

Wenn es um Krankheiten geht, sind wohl die meisten Menschen etwas befangen. Schließlich hat man idealerweise eher weniger damit zu tun und ist demenstsprechend unerfahren und nur bedingt einfühlungsfähig. Daher weiß man oft nicht genau, wie man vor und mit den Betroffenen am besten darüber spricht. Handelt es sich dann auch noch nicht um ein gebrochenes Bein oder eine Grippe, wo jeder sofort empathisch einsteigen kann, sondern um etwas, was man nicht direkt sieht, wird die Situation gleich noch viel komplizierter. Deshalb habe ich hier aus erster Hand (nämlich meiner eigenen) einige Hinweise über den Umgang mit Krankheit. In diesem Fall beziehen diese sich speziell auf Migräne - mit anderen Krankheiten kann ich zum Glück nicht dienen - aber ich bin sicher, ein wenig abgewandelt treffen sie auf so ziemlich alle übrigen, vor allem nach Außen unsichtbare, Leiden zu.

Der gröbste und schlimmste Fehler, den man als Außenstehender machen kann, ist zu sagen: "Ach, das bisschen Kopfweh wirst du ja wohl aushalten können". Diese Art von Runterspielen ist respektlos, unsensibel und verdient eine Ohrfeige. Mindestens eine verbale. Die meisten Migräne-Patienten drücken sich schon mehrere Jahre - bei mir selbst sind es insgesamt 15 mit mal schlimmeren und mal besseren Phasen - rum, und ihr glaubt nicht, was man sich da alles anhören muss. Von Lehrern, Mitschülern und im dümmsten Fall sogar von Freunden und Teilen der Familie. Das ging bei mir soweit, dass ich mir Ausreden ausgedacht habe, wenn ich migränebedingt irgendwo absagen musste, weil für einige Leute damals so ziemlich alle anderen Entschuldigungen glaubwürdiger und nachvollziehbarer waren als eine Migräneattacke.
Als wären die Schmerzen und auch die Begleiterscheinungen wie Aura, taube Gliedmaßen oder Übelkeit nicht belastend genug. Denn wirklich niemand legt sich wegen ein bisschen Kopfweh tagelang in einen dunklen Raum. Migräneschmerz changiert gerne mal zwischen ein-Pizzabäcker-hat-dein-Gehirn-mit-seinem-Hefeteig-verwechselt-und-knetet-jetzt-möglichst-brutal-durch und dein-Kopf-ist-in-einem-sich-langsam-zudrehenden-Schraubstock-eingeklemmt-und-kommt-nicht-mehr-raus - Gefühl. Das mehrere Tage lang auszuhalten ist kein Spaß. Ganz im Ernst.

Was mich auch wirklich aggressiv macht, sind Leute mit einem Pseudo-Verständnis. Die "haben auch Migräne, das ist wirklich schlimm, ich leide mit dir. Aber nach einem Cognac ist die auch sofort wieder weg".
Im Grunde ist es sehr einfach: geht der Schmerz nach einem Cognac weg, ist es keine Migräne. Eigentlich ist es sogar noch einfacher: hat man überhaupt Bedürfnis und Fähigkeit, sich einen Cognac einzuschenken, ist es keine Migräne. Also trinkt still euren Schnaps und erzählt keine Märchen. Die versauen den echten Betroffenen nämlich die credibility.

A propos Märchen: es gibt Menschen, die brauchen ein Attest. Weil Klausuren immer so plötzlich kommen. Oder sie keinen Bock auf ihre Arbeit haben. Und als Ausrede nehmen sie dann Migräne, "ist nämlich voll einfach; du gehst zum Arzt und sagst, dass du so 'nen drückenden Schmerz hinter der Stirn. Er kann dir ja nicht das Gegenteil beweisen, also gibts das Attest zack zack."
Wenn diese Leute das tun, ist das schon schlimm genug. Aber einem wirklich Betroffenen das auch noch mit vor Stolz geschwellter Brust zu erzählen, ist frech und gehört bestraft. Mit einer richtigen Migräneattacke. Einer einzigen nur. Danach wär ganz sicher Ruhe.

Und zu guter letzt etwas, was ich nicht als ganz so schlimm empfinde, aber einige Leute kenne, die davon sehr genervt sind. Tipps verteilen. "In der Apotheken-Umschau hab ich was gelesen..." oder "Kennst du schon die und die Tabletten/Kräuter/Massagen?". Die Antwort ist: ja. Die meisten Patienten kennen sowohl die Kräutertees, diverse Tabletten, hatten Akkupunktur, Entspannungstherapie und haben allgemein zu viele Neurologie-Praxen von Innen gesehen. Solche Ratschläge sind lieb gemeint, führen einem aber doch immer wieder die endlose Arztgeschichte vor Augen und deprimieren einige. Ich empfinde das allerdings durchaus als nett - vielleicht ist ja doch mal der ein oder andere Rat dabei, den man so noch nicht kennt. Aber trotzdem sparsam mit Wundermittel-Anpreisungen umgehen; damit ist man auf der sicheren Seite.

Also, was tun? Ganz simpel: Anteilnahme zeigen. Zuhören, wenn darüber geredet werden will. Und einfach ein bisschen ungezwungen damit umgehen. Manche machen gerne Witze darüber - so wie ich - andere verdrängen lieber. Grundsätzlich ist es einfach wichtig, eine solche Krankheit ernst zu nehmen, bei Absagen nicht sauer zu werden und auch nach der 8. geplatzten Verabredung die Person immernoch einzuladen. Während eines akuten Anfalls in Ruhe lassen, wenn es nicht explizit anders gewünscht ist. Grade für Eltern oder Partner ist das ziemlich furchtbar, weil die dem dann wirklich offensichtlich Leidenden nur zusehen können, aber da müssen alle durch. Und ich persönlich mag es auch sehr gerne, wenn jemand mit mir zusammen sauer auf die Migräne ist. Kurz gemeinsam darüber schimpfen zeigt erstens Verständnis und baut zweitens auch meinen Frust ab. Denn niemand ist mehr genervt von einer Migräneattacke als der Betroffene selbst.
Am besten ist halt immer signalisierte Unterstützung. Wie in vielen anderen Situationen ebenfalls.

Kommentare:

  1. Ein guter Eintrag und ohne Mitleid heucheln zu wollen - Scheiße man, dass du betroffen bist von der Kack-Migräne.
    Ich hatte in meinem Leben bisher ZUM GLÜCK nur eine handvoll Migräne-Attacken und bin nicht regelmäßig betroffen.
    Habe aber auch schon gemerkt, dass Migräne häufig mit Kopfschmerzen gleichgesetzt wird und der volkstümliche Glaube dann auch schnell ist, ach ..das bisschen Kopfschmerz.
    Zwei Freundinnen habe ich mal in einer Diskussion/Gespräch (wo es über eine andere Person mit Migräne ging) dann auch versucht darüber aufzuklären, dass es sich bei Migräne ganz und gar nicht um "harmlose" Kopfschmerzen handelt und wenn jemand wegen Migräne einen Termin absagt, dass ziemlich ätzend für denjenigen ist, der sich mit der Migräne zuhause rum quält.
    Ansonsten sehe ich das auch wirklich so wie du...manchmal fehlt da offenbar das Verständnis, wobei es bei den Freundinnen so war, dass ihnen glaube ich auch nicht ganz klar war, was Migräne wirklich bedeutet (zumindest hatte ich so den Eindruck, als ich die möglichen Nebenwirkungen, die hinzu kommen, beschrieben habe).

    <3 Ich würde ja sagen, ignoriere die Trottel einfach, aber .... Es gibt es nix schlimmeres als Menschen die bei Migräne Unverständnis zeigen! Abgesehen von Migräne selbst.<3

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    1. Danke schön für deine lieben Worte :) ♥
      Migräne ist echt was ätzendes - gut, dass du nur selten damit zu kämpfen hast.
      Und auch gut, dass du da missionarisch unterwegs bist :D Ich versuche das auch immer mal wieder, wenn gerade das Thema aufkommt, aber grade wenn man selbst sehr betroffen ist, wirkt es schnell wie Rumgejammer. Habe ich zumindest immer das Gefühl :D Dabei solls so ja gar nicht gemeint sein; wenn jemand unter Panik-Attacken leidet, will ich schließlich von dem auch beschrieben bekommen, wie sich das ankündigt und so weiter, damit im Zweifel geholfen werden kann. Schwierig, schwierg.

      Liebste Grüße! :)

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  2. Ein sehr informativer Post! Ich muss gestehen, dass ich auch nicht viel über Migräne wusste, weil ich niemanden damit kenne. In Filmen und Büchern wird das irgendwie immer als Krankheit hysterischer Damen dargestellt, die immer, wenn sie sich über irgendtetwas aufregen, gleich "Migräne bekommen". Ziemlich gemein.

    "credibility" :D?

    Vielleicht liegt das nur daran, dass ich mit Klausuren bis jetzt noch keine wirklichen Probleme hatte (in der Schule natürlich nur, an der Uni bin ich ja noch nicht), aber mich nervt es immer, wenn Leute einen auf krank machen (und es dann auch noch zugeben), weil sie zu faul zum Lernen waren. Mal abgesehen davon, dass es unklug ist, weil es ihnen irgendwann keiner mehr glaubt, sind das meistens auch due Spezialisten, die dann bis zur Nachklausur auch nicht lernen und dann am Ende doch dumm dastehen. Gilt natürlich nicht für alle.

    Im Grunde musste ich bei vielem, was du hier beschreibst, an Depressionen denken. Ich habe Bekannte mit Depressionen, echten Depressionen, und die mussten sich schon so oft entweder anhören, sie wären Heulsusen und überempfindlich, oder ebenfalls so Pseudo-Verständnis von Leuten, die sich diese Modediagnose auch verpasst haben. Sowas geht einfach gar nicht. Wenn man nicht im Körper der betroffenen Person steckt, kann und sollte man nicht über sie urteilen.

    Also wenn du mal wieder Migräneattacken hast - Ich rege mich gedanklich mit dir darüber auf! Ich weiß zwar nicht, wie sich das anfühlt, aber deine Beschreibungen waren sehr deutlich und das wünscht man definitiv niemandem.

    Liebe Grüße und danke für diesen interessanten Post :),
    Charlie

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    1. Gearde in solchen Büchern aus dem 19. Jahrhundert ist das ganz schlimm mit dieser Darstellung. Aber da sind die Frauen auch immer solche Dramaqueens, die ständig in Ohnmacht fallen - das würde ich auch nicht ernst nehmen xD

      Na klar! Ist ne tighte Szene das :D

      Tatsächlich habe ich beim Schreiben auch an Depression gedacht, weil diese Krankheit im Moment so präsent ist und ja auch nach Außen hin nicht direkt sichtbar ist. Deshalb ist es so schwer für Nicht-Betroffene, nachvollziehen zu können, dass es den Leuten wirklich schlecht geht, denn "sie sehen doch ganz fit aus". Aber heutzutage finde ich das einfach keine Entschuldigung mehr - man kann sich im Internet super einfach auf vergleichsweise seriösen Seiten über sowas informieren und muss kein ignoranter Schwachkopf sein. Stimme dir also vollkommen zu.

      Das ist lieb von dir, vielen Dank! ♥ :)

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    2. Hach ich fühle mit dir und mit jedem Satz, den du geschrieben hast. Seit meiner Jugend oder Kindheit schon leide ich unter Migräne und musste mir ständig irgendwas anhören. Vor allem von Lehrern, wenn ich öfter mal fehlte. "Autogenes Training soll helfen", "Wie wäre es mit Entspannungstherapien?" und selbst Ärzte schlagen auch Sport als prophylaktische Maßnahme vor, nur um irgendwas zu sagen. Aber verdammt, nein! Ich bin nicht gestresst, ich muss mich nicht entspannen und ich bin schon froh, wenn ich mal migränefrei bin und will diese freie Zeit nicht in Sport investieren, der mir keinen Spaß bringt. Ich kenne meine Auslöser und die sind vor allem das Wetter. Wetterumschwung, Hitze, Schwüle und Gewitter lösen bei mir Migräne aus und da hilft nichts, außer Triptane in der Tasche zu haben. Die beseitigen meistens so gut wie jeden Migräneschmerz, aber verwirrt und müde ist man danach noch immer, sodass man kaum leistungsfähig ist. Als Migräniker muss man sich stets rechtfertigen. Es ist zum Kotzen. "Gutgemeinte" Tipps, eigene Leidensgeschichten zu eigenen vermeintlichen Kopfschmerzen usw usw will ich einfach nicht mehr hören. D: Auch ich wünsche mir einfach nur Respekt und dass andere mir glauben, dass Migräne keine Ausrede ist.

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    3. Die Leute glauben einem auch immer nicht, wenn man ihnen was von seinen Auslösern erzählt, und dass die völlig individuell sind und man Migräne bekommt, OBWOHL man ja seine Auslöser kennt.
      Beim Wetter bin ich nicht so empfindlich, da merke ich nur die großen Umschwünge 2-3 Mal im Jahr. Was ich aber zum Beispiel tatsächlich merke ist, wenn ich keinen Sport mache und/oder keinen geregelten Tagesablauf verfolge. Das knallt bei mir richtig rein. So ist eben jeder anders, trotz gleicher Diagnose.
      Aber wenn Triptane bei dir anschlagen, ist das doch schonmal was. Ich hatte bisher die zwei gängigsten und die bringen genauso wenig wie Ibuprophen :/
      Ich denk mir halt immer (meistens. bei nem akkuten Anfall nicht), dass es viel schlimmer sein könnte. Dann gehts wieder^^

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