28.09.2014

# Katzenjammer

[Gerede] Über Selbstsicherheit

Fake it, 'til you make it. Das ist mein Leitsatz, wenn es um Selbstsicherheit geht. Wobei der letzte Teil dieses Spruchs ziemlich auf sich warten lässt und höchstens mal temporär aufblitzt. Und die Umsetzung des ersten Teils auch eher ausbaufähig ist. Dabei ist das so total unnötig, dass es mich manchmal richtig wütend macht.

Sehen wir (und mit "wir" meine ich dich und mich und alle, die hin und wieder mit Selbstzweifeln zu kämpfen haben. Also wahrscheinlich irgendwie jeden, dem ein bisschen zu viel Selbstreflektion in die Wiege gelegt wurde) den Tatsachen doch mal ins Auge: Was kriegen die Menschen denn mit von uns? Was sehen Leute, die mir (und dir) gegenüberstehen? Sehen sie die Dehnungsstreifen am Bauch? Nein. Den krummen kleinen Zeh? Nein. Den riesigen Pickel auf der Stirn? Wahrscheinlich. Aber messen sie diesem Bedeutung bei, wenn du es nicht zuerst tust? Eher nicht. Und umgekehrt: meine beste Freundin findet ihre Schultern zu breit. Das sehe ich überhaupt nicht. Ein guter Freund von mir hat wirklich ernsthafte Ego-Probleme, weil er eine ziemlich unreine Haut im Gesicht hat und sich deshalb oft unwoh fühlt l. Darauf achte ich gar nicht - und selbst an schlimmen Tagen, wenn es unübersehbar ist, ist es mir völlig egal.
Oder gehen wir doch mal weg von den Äußerlichkeiten, auch wenn die zumindest bei mir hauptsächlich der Grund für meine Verunsicherung ist. Sieht mir irgendjemand an, dass ich kein wirklich fundiertes Wissen über Politk habe, obwohl ich es gerne hätte? Können die Menschen mir meine gesamten charakterlichen Unzulänglichkeiten an der Stirn ablesen? Nein. Kein Mensch weiß, was du alles nicht weißt oder kannst, wenn du es ihm nicht irgendwie kommunizierst. Und genauso ist es auch mit der Selbstsicherheit. Niemand schließt anhand meines Aussehens darauf, dass ich völlig überfordert durch die Welt latsche und sich mein Ego zeitweise zwischen dem Gefrierpunkt von Helium und den Dioptrien eines Maulwurfs befindet. Aber mein Verhalten zeigt es ziemlich deutlich. Weil mich all diese genannten Dinge eben konstant verunsichern.

Ein Bekannter hat mir einmal gesagt: "Du kannst wesentlich besser damit umgehen, wenn dich jemand beleidigt, als wenn dir jemand ein Kompliment macht." Und das ist eine ziemlich treffende Beschreibung meiner Meinung von mir selbst. Sagt mir jemand: "Krass, diene Beine sehen verdammt fett in dieser Hose aus. Wieso gehst du so überhaupt nach draußen?!", komm ich damit viel besser klar, als wenn jemand sagt: "Wow, das Kleid steht dir unheimlich gut". Weil ich seit ungefähr 20 Jahren übe, mit harter Kritik an meiner Person klarzukommen. Die schlimmsten Beleidigungen kommen nämlich immernoch von mir selbst. Es scheint fast so, als müsste man schon ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein besitzen, um ego-umschmeichelnde Worte annehmen zu können. Paradox, dass gerade die, die eigentlich am meisten Zuspruch bräuchten, am wenigsten damit anfangen können.

Gut, jetzt klingt das verdammt so, als würde ich mein Leben lang als scheues Reh durch die Gegend laufen. Dem ist nicht so. Tatsächlich bin ich eigentlich nicht der schüchterne Typ. Aber manchmal überrollt mich so eine unglaubliche Welle der Zweifel und für ein paar Wochen muss ich mir dann konstant bewusst machen, warum ich durchaus eine Existenzberechtigung auf dieser Welt habe und diese auch einfordern kann. Und das regt mich mit am meisten auf. Eben dieses ständige so-tun-als-ob. Ich meine, es hilft wirklich. Deshalb habe ich euch ja meinen Leitsatz vorgestellt - irgendwann glaubt man tatsächlich, dass man selbstsicher ist, wenn man nur lange genug so tut. Aber dahin zu kommen kostet viel Energie. Und es ist anstrengend, immer wieder von vorne anfangen zu müssen.
Ich glaube, es gibt keine schwierigere Arbeit als die im eigenen Kopf.

Kommentare:

  1. Ach, Zweifeln ist kacke und selbstzweifeln erst Recht. Ich denk mir immer: Die anderen sind auch nur Menschen. Und das beruhigt irgendwie, wenn man sich vorstellt, dass die so unantastbar selbstbewusst erscheinenden Menschen vor einem sich auch schon mal öfters unwohl in der eigenen Haut gefühlt haben. Und eigentlich gibt es ja keinen Grund sich schlecht zu fühlen! Man ist so, wie man ist, und man kann nicht viel daran ändern, als ab und zu diese nervigen Selbstzweifel mal unter den Tisch zu kehren. Und irgendwann stellt man fest, dass man dann ja auch ne ganze Menge Freunde hat und das Leben irgendwie schön ist :)

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    1. Menschen, die super selbstbewusst wirken, haben auch immer meinen ehrlichen Respekt. Aber im Grunde stimmt das natürlich: jeder hat ja wohl irgendwie ein bisschen Zweifel. Man muss nur damit umgehen können. Oder es versuchen. Und es beruhigt tatsächlich, dass man nicht der einzige Zweifler ist :)

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  2. Falls es dir hilft: Das höchste Zeichen von Intelligenz ist der Zweifel (Francois Mauriac).
    Damit bist du mit deinem Zweifel wohl schon sehr intelligent, auch wenn du denkst dass dir noch Wissen in Politik fehlt.

    Auch wenn Zweifeln kacke ist (meistens zumindest) so ist es doch eine Art der Selbsreflexion, Selbstbetrachtung und halt irgendwie intelligent. Denn nur so findet man mehr über sich selbst heraus und findet irgendwann den Weg heraus. Denn irgendwie hilft uns ja die Tatsache, den Zweifel anzuerkennen dabei, über ihn hinweg zu kommen. (Auch wenn man es zunächst vielleicht erstmal spielt...)

    Lass den Zweifel zu, solange du daran nicht VERzweifelst.
    Denn irgendwann wirst du den Punkt finden, an dem du viele, viele Zweifel über Bord werfen kannst.

    So wie du andere Menschen beschreibst, so sehen die es genauso mit dir, was deine eigenen Zweifel ja auch irgendwie wieder unbegründet macht.

    (Langsam zweifle ich daran, dass mein Kommentar noch einen Inhalt vermittelt O_O)


    P.S.: Mir fällt es auch oft schwer, Komplimente oder schöne Worte über mich selbst anzunehmen. Ich hoffe aber, dass es irgendwann nachlässt und ich bereit sein werde so etwas als das annehmen was es ist - eine wunderschöne Geste.

    Ich glaube an uns, dass wir das schaffen werden <3

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    1. Haha, vielleicht wäre ich dann gern manchmal ein bisschen dümmer ;P

      Dein Kommentar vermittelt Inhalt. Das Thema ist so verworren, kann man schonmal den Überblick verlieren - lass dich nicht von dem Zweifeln anstecken! :D Ich glaube auch, dass es bis zu einem gewissen Grade gesund ist, über sich und so weiter nachzudenken und auch kritisch zu reflektieren, damit man voran kommt. Nur übertreiben sollte man es nicht, denn zu viel Zweifeln lähmt einfach.

      Für den Moment hab ich es auch wieder geschafft, aus dem Sog des Zweifelns zu entkommen :)

      Genau - wir schaffen das schon irgendwann. Wenn wir schon so gut im Nachdenken sind, sollten wir ja wohl auch in der Lage sein, zu dem Ergebnis zu kommen, dass nette Menschen nette Dinge zu und über uns sagen können. Einfach, um uns eine Freude zu machen :)

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