29.08.2017

# Medienschrank # Wohnzimmer

Tote Mädchen lügen nicht (2017)



Wenn eine Serie in letzter Zeit medial und auch in meinem persönlichen Umfeld in letzter Zeit zu kontroversen und vor allem sehr emotionalen Diskussionen geführt hat, dann war das Tote Mädchen lügen nicht. Auch ich habe mir diese Serie angeschaut, weil sie mich thematisch sehr interessierte und ich die Debatten drumherum besser nachvollziehen können wollte. Daher habe ich in Rekordzeit alle Folgen durchgeschaut und mir ebenfalls das 30-minütige Hintergrundvideo nicht entgehen lassen. Dieses fand ich sehr wichtig für mich selbst, um mit der aufwühlenden Geschichte abschließen zu können (ja, das war tatsächlich nötig). Noch viel wichtiger aber finde ich dieses Video vor allem für die jüngeren Zuschauer der Serie. Bei einer sensiblen Thematik wie Selbstmord, Depression oder Mobbing dürfen gerade bei einer solchen Zielgruppe die Handlung und vor allem die - in diesem Fall äußerst explizite - Darstellungsweise auf keinen Fall für sich alleine stehen. Ein Exkurs mit den Produzenten, Schauspielern und Jugendpsychologen beziehungsweise -arbeitern, die die Serie kontextualisieren und erklären ist daher absolut nötig und sehr umsichtig.

Gleich vorweg: bei den letzten drei Folgen habe ich fast durchgehend mit einer Tränenflut gekämpft und wäre mehrmals gerne in den Bildschirm gesprungen, um den Figuren den Kopf zurechtzurücken. Mit solchem emotionalen Aufwand schaue ich selten eine Serie und kann jetzt absolut nachempfinden, warum sie so heiß und gefühlswallend diskutiert wird. Desweiteren bin ich absolut bereit, ebenso emotional in diese besagten Debatten einzusteigen - damit das hier aber nicht ausartet, möchte ich bloß meine Meinung zu den beiden Extrempositionen der Debatte formulieren. Zum einen als weiteren Teil meines persönlichen Verarbeitungsprozesses und zum anderen um aufzuzeigen, dass auch hier Extreme irgendwie beide Recht und Unrecht haben und ich daher wie so oft einen Weg der Mitte bevorzuge.

Um welche Positionen handelt es sich? Ring frei für Untertreibung gegen Übertreibung!

  1. Jugendschutz und Triggerwarnung am Anfang der Serie sind ja wohl völlig überzogen, es ist schließlich nur eine Serie.
  2. Diese Serie verherrlicht und verharmlost Selbstmord total und sollte eigentlich für jugendliche Zuschauer verboten werden.

Auch ich bin im Grunde der Meinung, dass der medienkonsumgewöhnte Mensch zwischen Fiktion und Realität unterscheiden können muss. Bei einem solch sensiblen Thema aber die Verantwortung völlig bei den (oft jugendlichen und damit leicht zu verunsichernden) Zuschauern zu lassen, fände ich dennoch grob fahrlässig. Wo schon jemand, der ein normales Maß an Empathie besitzt, die Handlung nur schwerlich verdauen kann, sollten eventuell betroffene und damit potentiell gefährdete Personen erst recht gewarnt werden. Nur so können sie einschätzen, ob sie sich stabil genug für eine Triggerüberflutung fühlen.
Dennoch kann man eine Serie nicht dafür verantwortlich machen, zu welchen radikalen Schritten sich jemand nach dem Anschauen entscheidet. Es stimmt schon, dass es wohl einige Nachahmer beziehungsweise Nachahmungsversuche gegeben haben soll, nachdem die Serie angelaufen ist. Deshalb ist die kritische Auseinandersetzung mit der Thematik ja auch so wichtig. Dennoch sollte man nicht überreagieren; nach den ersten Folgen wirkt Hannahs Selbstmord vielleicht noch wenig nachvollziehbar und wie eine Art "lustiges Spiel", das sie für ihre Hinterbliebenen kreiert hat. Aber mit Voranschreiten des Geschehens, erkennt man nicht nur, um was für ein traumatisiertes, einsames und zutiefst verzweifeltes Mädchen Hannah trotz ihres oberflächlich schönen Lebens ist. Man erkennt auch, dass sie viele, viele Menschen zurückgelassen hat, die um sie trauern und denen sie sich hätte anvertrauen können.

Ich persönlich empfand die Serie als wirklich sehr belastend und gerade deshalb als extrem gut gemacht. Sie bietet eine perfekte Gelegenheit, um Themen wie Cybermobbing, sexuellem Missbrauch und Depressionen gerade bei Jugendlichen öffentlich zu diskutieren. Und am Ende zeigt er, dass Hannah vielleicht 13 Gründe zum Sterben hatte - aber noch so viele mehr zum Leben. Es konnte ihr nur einfach niemand zeigen.

Kommentare:

  1. Ohhh, du sprichst mir aus der Seele. Auch wenn ich die Serie bisher nur zur Hälfte gesehen habe, so habe ich doch die vielen Diskussionen verfolgt.
    Ich sehe es auch definitiv so, dass durchaus beide Ansichten gerechtfertigt sind, aber letztlich doch der Mittelweg der bessere scheint.
    Ich würde sagen, dass diese Serie durchaus mit Vorsicht zu genießen ist, aber auf der anderen Seite es schafft, ein schwieriges Thema zu vermitteln, ohne es zu romantisieren. Diese Serie sollte Anlass sein, dass dieses Thema Raum bekommt, was in erster Instanz ja gelungen ist. Aber genau an diesem Punkt sollte man dran bleiben - ich finde es wäre ein guter Stoff um es in der Schule zu behandeln, oder mit der Familie auch einmal zu diskutieren.
    Mir hat es letztendlich doch geholfen, gerade das Thema Mobbing wieder kritischer zu sehen. Genau dieses kritische Sehen würde ich (wenn ich Kinder hätte) versuchen zu vermitteln.
    Ach ich weiß auch nicht, es ist auf jeden Fall schwer in Worte zu fassen.

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    1. Es ist wirklich schwer, alles Aspekte, die mit der Serie zusammenhängen in den passenden Worten zu formulieren.
      Ich persönlich weiß nicht, ob die Serie (oder Ausschnitte daraus) wirklich in der Schule durchgenommen werden sollte, weil ein Lehrer nicht hundertpprozentig einschätzen kann, ob alle 30 Schüler einer Klasse bereit oder stabil genug für solche Explizitheit sind. Die Serie als Aufhänger zu nutzen und dann über die behandelten Themen zu sprechen, fände ich aber sehr gut und auch extrem wichtig!

      Liebe Grüße
      Mel

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  2. Wunderbare Worte, denen ich mich nur anschließen kann.
    Ich habe die Serie zwar noch nicht zu Ende gesehen, kenne aber das Buch und somit in etwa die Handlung und weiß auch, dass die in der Serie am Ende nochmal mit mehr Drama und Storylines gefüttert wurde, als es im Buch eigentlich gibt.

    Ich stimme dir vollkommen darin zu, dass es gerade mit jüngeren oder irgendwie sensibleren Zuschauern wichtig ist, nochmal die Hintergründe der Serie zu besprechen und auch vor den Themen zu warnen, die dort behandelt werden. Die Trigger-Warnung zu Beginn finde ich daher auch absolut nicht lächerlich.

    Ich finde aber auch nicht, dass die Serie verboten gehört oder solche Themen verharmlost. Gerade Hannahs Eltern aber auch einige Empfänger der Kassetten beweisen durch ihre Reaktionen, wie sehr Hannahs Suizid sie mitnimmt, wie sehr sie vermisst wird und wie sehr viele Menschen sich wünschen, sie hätten anders gehandelt oder gewusst, wie es in Hannah wirklich aussieht. Einige der Menschen, die zu den 13 Gründen gehören, haben sicher nicht mal geahnt, wie schlimm sie Hannah damit wirklich mitgespielt haben (zB Alex). Und wie du schon sagst, zeigt die Serie ja auch, dass Hannah auch viele Gründe zum Leben gehabt hätte, wenn sie ihr nur irgendwie aufgezeigt worden wären. Dadurch zeigt die Serie, finde ich, auch, dass man selbst, wenn Suizid scheinbar die einzige Lösung ist, vielleicht noch irgendwo einen Lichtblick hat.
    Vor allem aber sensibilisiert die Serie dafür, wie man sich anderen gegenüber verhält, was für Folgen das eigene Verhalten für andere haben kann und wie ernst ein scheinbar harmloser Scherz sein kann. Die Serie ist ja schließlich nicht ausschließlich für Suizidgefährdete, sondern vor allem auch für deren Mitmenschen gedacht. Und als solche kann sie viel bewegen, denke ich.

    Es ist eine schwer zu verdauende, schwer zu schauende Serie und man muss wissen, wie man mit ihr umgeht. Aber ich kann mich ebenfalls keinem der beiden Extreme anschließen.

    Viele Grüße!

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    1. Danke dir :) Ich bin mir nicht sicher, ob ich nach der Serie das Buch noch lesen möchte, aber es steht vorsorglich mal auf meiner Liste. Vielleicht in ein paar Jahren, wenn die Serie nicht mehr so sehr präsent in meinem Kopf ist.

      Den Aspekt der Sensibilisierung finde ich auch noch super wichtig. Gerade als Jugendlicher ist einem noch nicht unbedingt bewusst, wie sehr sich das eigene Verhalten auf andere auswirken kann - im Positiven aber vor allem auch im Negativen. Da bin ich absolut mit dir einer Meinung, dass die Serie in der Richtung etwas bewirken kann.

      Liebste Grüße :)

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