06.11.2016

# Katzenjammer # L(i)ebenswert

[Gerede] Eine starke Meinung

Meistens stelle ich mich nicht in das Lager der Feminist*innen. Gendersternchen sind mir - abgesehen von ironischer Verwendung - ein Gräul und generell bin ich der Meinung, dass viele Angehörige dieser Gesamtgruppierung irgendwie frustriert und kleinkariert sind. Das ist keine böswillige Unterstellung, sondern mein persönlicher Erfahrungswert, der sich während vieler Jahre des Studiums diverser Geisteswissenschaften gebildet hat.

Nun ist es nicht so, dass ich ein Gegner des Ziels bin, Frauen und Männer gleichberechtigt vor Gesetz und Gesellschaft zu sehen und zu behandeln. Natürlich nicht. Ich bin schließlich selbst so eine. So eine Frau. Allerdings halte ich wenig von verschiedener feministischer wissenschaftlicher Arbeit, die meistens auf nur sehr schlecht verschleierter Zirkellogik basiert und durch abgehobene Versuche, naturwissenschaftliche Fakten philosophisch aufzulösen, nicht gerade zu einer Annäherung von Feminismus an den Rest der Gesellschaft beiträgt.
Außerdem hat der Feminismus auch einen wirklich staubigen Beigeschmack. Hört man dieses Wort, sieht man doch meistens kleine, tendenziell behaarte Wesen im Strickpulli vor sich, die wild gestikulierend Männer anpöbeln.
Oder man sieht Beyoncé, die tatsächlich der Meinung ist, eine Feministin zu sein. In Amerika scheint dieses Wort eine marginal andere Bedeutung zu haben als im Rest der Welt. Aber das ist ein anderes Thema.

Worauf ich eigentlich hinaus will, ist, dass ich Feminismus im ideellen Kern schon unlogisch finde, weil er auf genau der Differenzierung basiert, die er abschaffen will. Ich sehe mich nicht als Feministin, weil ich ganz natürlich davon ausgehe, dass Männer und Frauen gleichwertig sind. Weil Menschen halt einfach generell gleichwertig sind. Dass diese eine Einstellung an den Tatsachen nichts ändert, dass es nach wie vor eine Gender Pay Gap gibt und die konventionellen Rollenbilder in sehr vielen Köpfen stark verankert sind, ist mir durchaus bewusst. 
So musste ich kürzlich eine Diskussion mit einem schon länger und eigentlich guten Bekannten von mir führen, was den angemessenen Tonfall seiner Whatsapp-Nachrichten angeht. Dieser hatte sich in den letzten Wochen auf einem mir unsagbar unangenehmem Niveau festgesetzt. Und zwar derart, dass mein Bekannter bei einer Auge-in-Auge-Unterhaltung mindestens verbal, vermutlich aber auch körperlich, diverse Backpfeifen abbekommen hätte. Weshalb er seine Sprüche wahrscheinlich auch auf die digitale Kommunikation beschränkt hat. Da Diplomatie an ihm abschmettert - nicht, dass ich nicht versucht habe, das ganze locker-flockig zu entschärfen - mussten doch recht deutliche Worte her, um ihm klarzumachen, dass ich mit ihm weder über meinen Hintern noch über meine Brüste reden möchte, und eigentlich auch schonmal gar nicht will, dass selbige in seinem Kopf auftauchen. So ist das eben. Hat er auch eingesehen. Denn ich habe nun das Label Prüde Zicke.
Ich persönlich kann damit sehr gut leben. Finde aber zwei Dinge an dieser vergleichsweise doch profanen Situation bemerkenswert und vor allem auch auf eine größere Ebene übertragbar.
Erstens: Weil ich die Kommunikation speziell mit ihm nicht auf der geschilderten Ebene weiterführen möchte, bin ich prüde. Als relativ gefestigte Persönlichkeit kann ich diese Haltung mit einem Schulterzucken abtun, sehe sie aber als Teil eines weitreichenderen Problems. Es liegt nicht in der Berechtigung eines Mannes, zu beurteilen, ob und ab welchem Punkt sein Angebaggere nicht mehr angemessen ist. Aber ein großer Teil der Gesellschaft sieht das leider genauso. Dass das gerade junge Mädels unter Druck setzt und eventuell zu Handlungen verleitet, die ihre ganz persönliche Wohlfühlgrenze überschreiten, wundert mich dabei nicht. Diese Art von Sexismus ist so fest in unserer Gesellschaft verankert, dass man sich als Frau eigentlich schon daran gewöhnt hat. Und das ist nicht gut.
Zweitens: Zickig bin ich aus dem einfachen Grund, weil ich eine starke Meinung zu diesem Thema hatte und diese ebenso stark und unnachgiebig artikuliert habe. Auch das ist ein Phänomen, das bei Männern doch eher selten vorkommt. Würde ich behaupten. Männer, die eine starke Meinung haben, sind Alphatiere, die lassen sich die Butter nicht vom Brot nehmen und haben einfach die Eier, sich durchzusetzen. Total gut! Total bewundernswert! Bei Frauen ist eine ähnliche oder gleiche Handlungsweise dagegen schon ein bisschen lästig, oder? Ziemlich unbequem und richtig anstrengend. Und wer will schon eine anstrengende Frau sein? Die Antwort auf diese Frage ist: Jede Frau! Jede Frau sollte anstrengend sein wollen, wenn anstrengend bedeutet, zu den eigenen Überzeugungen zu stehen und sie auch zu verteidigen.

Gerade die Feministinnen, die in der Vergangenheit am lautesten in der Öffentlichkeit geschrien und getobt haben, waren also genau das: Frauen mit einer starken Meinung. Ob das negative Image des Feminismus mit der Unbequemheit seiner Vertreterinnen zusammenhängt, kann ich so nicht beurteilen. Und mir ist auch klar, dass Männer ebenfalls mit Stereotypen zu kämpfen haben. Wenn sich aber Feminismus dafür einsetzt, dass beide Geschlechter ihr Ding machen können, und fordert, dass Sexismus auf jeder Ebene aufgelöst wird, dann ist das ein Feminismus, hinter dem ich stehen kann. Wenn Feminismus diese alten Rollenbilder, die starke Männer und niedliche Frauchen fordern und fördern, abschaffen will, dann ist das ein Feminismus, hinter dem jeder Mensch stehen sollte. Die Mittel einzelner Mitglieder dieser Gruppe sind vielleicht oft aggressiv, überzogen und in sich nicht ganz stimmig. Mit diesen identifiziere ich mich auch nicht. Aber eine Gleichberechtigung aller Menschen ist mir sehr wichtig und sollte ein gesamtgesellschaftliches Ziel sein.
Ein bisschen Feministin bin ich - bei aller Kritik - wohl also doch.

Kommentare:

  1. Du kannst meine Gedanken lesen - ich arbeite gerade auch an einen Post zum Thema Feminismus :D.

    Das Image des Feminismus ist ja gerade das Problem. Ich finde den Begriff auch nervig, denn der moderne Feminismus setzt sich genauso für die Rechte von Männern in bestimmten Belangen ein wie für die von Frauen. Er steht für Gleichberechtigung und nicht dafür, dass Frauen jetzt alle Männer über einen Kamm scheren und als Chauvis beschimpfen können und lautstark ihre Rechte durchprügeln wollen.

    Interessant, dass du den Begriff so verstehst. Ich sehe eigentlich jeden Menschen als Feminist_in, der der Meinung ist, dass Menschen nun mal gleichberechtigt sind. Für mich ist das auch selbstverständlich und ich nenne mich trotzdem Femistin.
    Gibt es eigentlich einen universellen Begriff für Menschen, die sich grundsätzlich gegen Diskriminierung, nicht nur wegen des Geschlechts sondern auch Herkunft, sexueller Orientierung usw. aussprechen? Das fänd ich praktischer, denn gegen das alles bin ich ja auch ^^.

    Ich finde es einfach abartig, dass man als prüde bezeichnet wird, nur weil man sich von den meisten Männern keine anzüglichen Bemerkungen anhören will. Soll man als Frau jetzt etwa jedem für seine sexuellen Fantasien zur Verfügung stehen, nur weil man eine Frau ist? Hat frau nicht das Recht, ihre Sexualität zwischen sich und ihrem Partner zu lassen?
    Toll ist auch die Doppelmoral, dass man einerseits prüde ist, wenn man bestimmte Annäherungen abweist, andererseits aber von anderen als Schlampe betitelt wird, wenn man es nicht tut.

    Jede Frau sollte anstrengend sein wollen. Das find ich gut :D. Es ist tatsächlich interessant, dass Frauen gerade die Verhaltensweisen vorgeworfen werden, die bei Männern als positiv gewertet werden. Ist das echt noch die Mentalität von vor Jahrhunderten, wo Frauen dann besonders toll waren, wenn sie ihrem Mann nie widersprochen und überhaupt nur dann etwas gesagt haben, wenn sie dazu aufgefordert wurden?

    Sehr gute Einstellung :). Man kann ja auch Feministin sein und trotzdem nicht die Methoden aller Feministinnen gutheißen müssen. So wie man auch religiös sein und die Kirche trotzdem kritisieren kann ;).

    Liebe Grüße,
    Charlie

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    1. Oh sehr schön! Ich bin gespannt darauf :)

      Naja, es ist ja auch ziemlich schwer, dem Feminismus eine Definition zu geben. Das sieht wohl jeder irgendwie anders. Ich persönlich hänge mich ein bisschen an dem "femina" für Frau auf und finde es deshalb vom Wortursprung her schon schwierig, die ideellen Ziele auf alle Menschen zu übertragen. So einen universellen Begriff hätte ich deshalb nämlich auch gerne aber leider ist mir keine bekannt! :D

      Genau darum ging es mir im Text! Das ist total bescheuert und eigentlich auch irgendwie unfassbar. Zumindest entzieht sich diese Logik dem gesunden Menschenverstand.

      Manchmal habe ich den Eindruck, dass es so ist. Leider. Aber dank diverser starker Frauen geht die Tendenz da immer weiter in die richtige Richtung.

      Haha, ganz genau! :D Hauptsache, man hinterfragt auch die eigene Sache. Dann ist alles im Lot! :)

      Liebe Grüße zurück :D

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