26.10.2015

# Rezensionen

[Rezi] Rebecca Gablé - Das Lächeln der Fortuna

Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Historischer Roman
Reihe: Waringham-Family-Reihe, Teil I
Seitenzahl: 1193



Teaser:
Conrad setzte sich zu ihm, und Robin mußte an den Tag denken, als er hier angekommen war. Zum Abendessen war er hier gewesen, und dieser Mann hatte ihn mit solcher Ehrfuchrt erfüllt, daß es ihm die Kehle zugeschnürt hatte. So war es nicht mehr.



Handlung
Das Jahr 1360 ist für den jungen Robin von Waringham ein Jahr voller schlimmer Nachrichten. Nicht nur, dass sein Vater in seiner Funktion als Kronvasall mit dem Schwarzen Prinzen von England gemeinsam im Hundertjährigen Krieg kämpft und bis auf seine jüngere Schwester Agnes alle übrigen Familienmitglieder an der Pest gestorben sind, Robin muss seine Tage in einem Kloster verbringen, um dort von den Mönchen unterrichtet und seinem Stand gemäß erzogen zu werden. Eines Tages wird er vom Abt aus dem Lateinunterricht gerufen und erhält eine schlimme Nachricht: sein Vater wurde wegen Hochverrats verurteilt, all seiner Besitztümer enthoben und hat sich schließlich im Gefängnis selbst erhängt. Nicht nur, dass Robin von den Taten seines Vaters mehr als erschüttert ist, er ist dadurch auch nicht länger der Erbe des Lehens Waringham, sondern ein normaler, mittelloser Zwölfjähriger. 
Dennoch beschließt er, nicht länger in dem verhassten Kloster zu bleiben, sondern endlich nach Hause zurückzukehren. Auch, wenn er kein Recht mehr auf die Burg hat, so ist Waringham doch der Ort, an dem sein Herz hängt. Also flüchtet er aus dem Kloster, schlägt sich nach Waringham durch und findet in den Zuchtställen einen Platz als Pferdeknecht. Sein Leben sieht von nun an völlig anders aus, als er es als junger Adeliger gewohnt war, doch Robins Leidenschaft für Pferde und sein pragmatisches, bescheidenes Wesen sorgen dafür, dass er sich mit den neuen Umständen nicht nur arrangiert, sondern sogar zufrieden damit ist. Wäre nur nicht der Sohn des neuen Earls von Waringham, Mortimer, der als verwöhnter und sadistisch veranlagter Sproß die hart arbeitenden Einwohner tyrannisiert. Robin und Mortimer hassen sich von der ersten Sekunde an und Robins Charakter ist nicht dazu geeignet, ungerechte Autoritäten ohne Widerworte anzunehmen.

Meine Meinung
Dieses Buch erzählt die Geschichte des jungen Robin von Waringham - seinen Weg von dem zwölfjährigen Pferdeknecht zu einem ehrenhaften Ritter. Und das tut es in einer Form, die wohl auch den kritischsten Leser historischer Romane begeistern wird - bei mir zumindest hat es das geschafft und ist damit in den Olymp meiner absoluten Lieblingsbücher aufgestiegen.

Schon gleich von Beginn an lernt man Robin kennen und begleitet ihn und seine Lieben von da an auf ihren verschlungenen und zum Teil extrem gefährlichen Leben. Der Roman erzählt die Geschichte von runden 40 Jahren, in denen Robin mal ober- und mal unterhalb von Fortunas Glücksrad sitzt und dennoch in seinen Grundsätzen niemals erschüttert wird. Die große Stärke dieses Buches ist es, realhistorische Personen und fiktive Charaktere so in der Handlung zu verbinden, dass man den Eindruck hat, auch die fiktiven Figuren gehörten damals wirklich dazu und haben die politischen Entwicklungen im England des Mittelalters maßgeblich mitgestaltet. Von den real existenten Personen sind natürlich die der Königsfamilie und deren Abkömmlinge besonders relevant. Das Haus Lancaster spielt eine wichtige Rolle, und der Leser ist bei allen prägnanten Ereignissen dieser Familie anwesend. Generell erfährt man unglaublich viel über die englische Geschichte, über das Rittertum an sich mit all seinen bindenen Treueschwüren, der komplexen Hochzeitspolitik und den zum Teil lebensgefährlichen Intrigen bei Hofe. Sehr interessant, lehrreich und unterhaltsam sind auch die Referenzen auf mittelalterliche Sagentraditionen, die zwar meistens nur angerissen werden, mir aber trotzdem immer ein freudiges Lächeln entlockt haben.

Eine weitere Besonderheit des Romans sind die ausgearbeiteten Charaktere. In verschiedenen anderen Rezensionen habe ich immer wieder von schwarz/weiß-Malerei bei der Gestaltung der Figuren gelesen, kann mich dieser Kritik aber nicht anschließen - und das, obwohl ich in der Beziehung ebenfalls sehr empfindlich und äußerst kritisch bin. Natürlich sind die Rollen des Protagonisten Robin und seines Gegenspielers Mortimer klar verteilt und Robin ist eindeutig der Gute in dieser Konstellation. Aber er ist durchaus nicht als erhabener, besonnener Moralapostel dargestellt, dem alles gelingt; er hat eine ziemlich große Klappe und eine scharfe Zunge, die er oftmals nicht in Zaum halten kann und dadurch sich und andere in große Schwierigkeiten bringt. Und auch Mortimer ist nicht bloß auf die Rolle des despotischen Tyrannen zu reduzieren, sondern hat durchaus auch eine angreifbare, menschliche Seite. Die versteckt er halt nur gut.
Und auch die übrigen Figuren sind so ausgearbeitet, dass sie über eine bloße Funktionserfüllung weit hinausgehen, in ihrem Verhalten oder zumindest ihren Gedanken durchaus wanken und auf jeden Fall Ecken, Kanten und Fehler haben, die sie auszeichnen.

Insgesamt habe ich mich in Waringham sehr heimisch gefühlt und mich bei diesem gut 1000-Seiten schweren Wälzer wirklich sehr an die Figuren gewöhnt. Das Lesestündchen jeden Abend war immer ein bisschen wie nach Hause kommen, weil man viele Figuren von Geburt an begleitet und ihre Entwicklungen beobachten kann. Deshalb war ich auch ein bisschen traurig, als das Buch dann doch irgendwann dem Ende zuging. Einen so gut recherchierten historischen Roman habe ich lange nicht mehr gelesen und ich freue mich schon jetzt auf die Fortsetzungen. 5 rosa Wölkchen von mir!


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