30.10.2015

# Rezensionen

[Rezi] Eva Menasse - Quasikristalle

Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Roman
Seitenzahl: 425




Teaser:
Wie sehr Xane staunte, merkte man an ihrem abgewandten Blick. Sie war in der Urban-Intellectual-Uniform gekommen, Blue Jeans und oben etwas Schlichtes, Teures, Schwarzes.




Handlung
13 kurze Geschichten mit jeweils anderen Protagonisten, die dennoch mit der eigentlichen Hauptperson dieses Buches irgendwie in Verbindung stehen: Xane Molin. Die Entwicklung ihrer Person, die Stationen ihres Lebenswegs kann der Leser mit dieser Geschichtensammlung aus der Perspektive der Beobachtung 2. Grades nachvollziehen: die Geschichten werden (mit einer Ausnahme, bei der Xane selbst zu Wort kommt) aus der Sicht von Figuren erzählt, mit denen Xane Kontakt hat. Zu manchen hat sie eine enge Beziehung - es sind ihre besten Freunde oder Teile der Familie - und andere streifen nur kurz ihren Weg. Daher nimmt jede Figur Xane Molin auch anders wahr, beurteilt sie anders und eröffnet dem Leser daher einen neuen Blickwinkel auf diese Figur. Die Zeitspanne reicht von dem 14-jährigen Mädchen, das Sommerferien hat und große Träume träumt, über ihre Studentenphase, ihre Ehe und ihr Leben in einer Patchwork-Familie bis hin zu der alt gewordenen Xane Molin, die nun mehrfache Großmutter ist. 

Meine Meinung
Dieses Buch enthält eine sehr interessante Geschichte, und ist vor allem spannend konstruiert. Roxane Molin - kurz Xane genannt - ist zwar die eigentliche Hauptperson, doch tritt sie meistens nur am Rande der Geschichte auf, als Teil des Lebensausschnitts einer anderen Figur. Je nachdem, wie nahe sie dieser Figur ist, desto größeren Raum nimmt Xane ein, doch ist sie selbst selten richtig fassbar.
Dennoch verfolgt der Leser Xanes komplettes Leben, ihre verschiedenen Phasen, fast schon stalkermäßig durch das Buch hindurch mit. Es ist ein literarisch sehr stark konstruiertes Buch, das aber inhaltlich ziemlich authentisch (sofern man dieses Wort benutzen möchte) wirkt und seine Qualität weniger in einer spannenden Story, als mehr in einem wirklichkeitsnahen Abbild der Gesellschaft - oder, wenn man nicht ganz so weit gehen möchte, doch einem prototypischen Abbild des Lebens einer Frau innerhalb dieser Gesellschaft - entfaltet und dabei diverse ethische Fragen quasi im vorbeigehen aufwirft.

Betrachtet man die einzelnen Themenkomplexe, die im Laufe des Buches aufgeworfen werden, wird schon ziemlich deutlich, dass es sich hier um die Lebenswelt einer sehr spezifischen Gruppe zu einer bestimmten Zeit dreht. Ich habe mich nie besonders mit der Geschichte Österreichs beschäftigt, und weiß daher nicht, wie der Nationalsozialismus gesellschaftlich aufgearbeitet wurde und wird. Besonders in einem Kapitel wird genau diese Aufarbeitung thematisiert, wenn Xane mit einer studentischen Gruppe und einem Professor nach Auschwitz fährt und das Konzentrationslager besichtigt. Vor allem in diesem Kapitel fand ich, dass die Autorin eine wirklich dichte Atmosphäre erschaffen konnte und die widersprüchlichen Gefühle, die ein solcher Ort in Menschen wecken kann - was ja auch je nach Biografie und seelischer Verfassung variiert - gut und sehr eindringlich dargestellt hat. 

Ist Xane in ihrer Jugend noch damit beschäftigt, die Vergangenheit zu begreifen und sich selbst zu finden, so hat sie später andere Probleme. Mit ihrer Stieftochter zum Beispiel. Aber eigentlich läuft ihr Leben soweit sehr gut. Höhen folgen Tiefen, die wiederum Höhen folgen und dann wieder ein paar Tiefschläge. Sie lebt die meiste Zeit in Berlin und missioniert ein wenig die österreichische Kultur.
Aber obwohl ich so viel faktisch über sie weiß, hatte ich nie das Gefühl, wirklich einen Draht zu dieser Figur zu haben. Zu allen anderen schon. Charakterlich sind die jeweiligen Protagonisten der Kurzgeschichten nachvollziehbar und für den ihnen zugedachten Raum facettenreich ausgestattet. Nur Xane lässt sich nicht so richtig fassen, bleibt schwammig und unnahbar. Der besondere Kniff des Romans ist für mich auch gleichzeitig das große Kümmernis, denn weil Xane immer bloß in verschiedenen Rollen und verschiedenen Altersstufen gezeigt wird, hat man niemals ein Gesamtkonzept von ihr und das ist irgendwie schade. Aber auch spannend. Es ist einfach ein Dilemma.

Jedenfalls habe ich die Lektüre die meiste Zeit über sehr genossen. Es ist schon ein eher eloquenter Schreibstil, der aber dennoch keine komplizierten Satzungetüme beherbergt und die Länge der Geschichten macht es zu einem idealen Bus-Buch. 3 Wölkchen von mir.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen