15.02.2015

# Rezensionen

[Rezi] Italo Calvino - Wenn ein Reisender in einer Winternacht

Erscheinungsjahr: 1983
Originaltitel: Se una notta d'inverno un viaggiatore
Genre: Roman
Seitenzahl: 312


Teaser:
Doch wenn es stimmt, daß die einzige Wahrheit, die ein Buch enthalten kann, eine individuelle ist, dann kann ich auch gleich meine eigene schreiben. Also das Buch meiner Erinnerungen? Nein, Erinnerungen sind nur so lange wahr, wie sie nicht gerinnen, nicht in eine Form gepresst werden.




Handlung
Du kaufst dir ein neues Buch von einem deiner Lieblingsautoren. Voller Vorfreude machst Du es dir zu Hause gemütlich und beginnst zu lesen. Nur, um nach ein paar Seiten, die dich gleich gepackt haben, festzustellen, dass die Geschichte nicht weitergeht. Die folgenden Seiten des Buches sind nur die Wiederholung des spannungsverheißenden Anfangs, den du schon kennst. Da muss wohl etwas in der Produktion schiefgelaufen sein. Also gehst du zum Buchhändler, um dein Exemplar gegen ein vollständiges umzutauschen. Und schon bist du mittendrin in einer Suche nach dem Fortlauf von Geschichten, bei der du nur immer wieder auf neue Anfänge stößst. Aber du bist nicht alleine. Die Leserin gesellt sich mehr oder weniger zu dir; auch sie hält Ausschau nach Lesestoff und taucht deshalb immer wieder auf deinem Weg auf.

Meine Meinung
Selten habe ich ein Buch als gleichzeitig extrem komplex und hoch faszinierend empfunden. Diese Kombination kommt in meinem Erfahrungshorizont nur sehr selten vor, weil mich komplex doch meistens eher aggressiv macht, vor allem, wenn die Komplexität so bewusst und fast schon provokativ in die Geschichte gesetzt wird, wie bei diesem Buch. Aber das hier ist eindeutig eine Ausnahme.

Alles beginnt damit, dass ein fiktives Du - mit dem man sich als Leser natürlich gleich identifiziert, weil man sich angesprochen fühlt und dieses Du außerdem auch noch mit "der Leser" tituliert wird - ein Buch von Italo Calvino kauft und beim Lesen feststellt, dass die Bögen beim Binden durcheinander geraten sein müssen. In der Buchhandlung erfährt der Leser dann, dass nicht nur die Bögen innerhalb des Buches vertauscht wurden, sondern dass sie sich mit Bögen einer weiteren Neuerscheinung vermischt haben und er gar nicht den Anfang des Buches gelesen hat, das er eigentlich wollte. So angefixt von der Geschichte, will er jetzt aber nicht mehr den neuen Calvino haben, sondern das Buch, das er zu lesen begonnen hat. Der Buchhändler verkauft ihm ein Exemplar. Während dieses Verkaufsgesprächs taucht eine weitere Leserin auf, die augenscheinlich das gleiche Problem hat, wie der Leser. Also tauschen die beiden ihre Telefonnummern aus, um sich über das nun hoffentlich richtige Buch unterhalten zu können.
Doch auch diese Lektüre bricht der Leser nach wenigen Seiten ab, weil es sich defintiv nicht um die erste Geschichte, sondern um eine völlig neue handelt. Also macht er sich zusammen mit der Leserin erneut auf den Weg, die passende Fortsetzung zu finden.

Insgesamt 10 Romananfänge findet der Leser so, und immer sind es völlig neue Geschichte, die abrupt abbrechen. Ganz dem Gedanken folgend "Was wäre, wenn ein Roman niemals weitergehen würde, sondern sich immer den Zauber des Anfangs bewahren könnte". 
Es ist ein Buch über Bücher, über Schreibweisen und eine Kritik an so ziemlich jeder Literaturtheorie, die es bis zu den 80er-Jahren gab. Die einzelnen Romanstücke, aber auch die übergeordnete Ebene von Leser und Leserin referieren nicht nur auf verschiedene Werke des 20. Jahrhunderts - Kafka oder Dostojevski, um nur zwei zu nennen - sondern nimmt auch die Arbeitsweise der Literaturwissenschaft aufs Korn, die versucht, einen objektiven Sinngehalt hinter dem geschriebenen Text zu finden, der faktisch aber nicht da sein kann. So entwickelt der Roman nicht nur elf verschiedene Geschichten, sondern erklärt gleichzeitig seine eigene Poetologie, nach der er funktioniert.

Es ist ein wirklich grandioser Roman, der von Meta-Ebenen nur so wimmelt. Kunstwerke aus Büchern, deren Fotos in Büchern festgehalten werden, aus denen neue Kunstwerke entstehen, die wieder in Büchern ebgedruckt werden; eine von der Polizei in die Revolutionäre infiltrierte Kommissarin, die eine bei der Polizei infiltrierte Revolutionärin ist. Endlosschleifen, in denen sich die Gedanken verlieren können. Und ich unterstelle dem Text, das genau das auch seine Absicht ist. Passend dazu am Ende eine kleine Reflexion über verschiedenes Leseverhalten. Ich denke, jeder findet sich dort wieder.
Insgesamt verleihe ich diesem Buch mit großem Vergnügen die höchste Punktzahl und spreche eine allgemeine Leseempfehlung aus.


Kommentare:

  1. Mir hat deine Rezension so gut gefallen, dass ich den Roman direkt eingekauft habe, als er mir gestern zufällig auf einem Mängelexemplare-Wühltisch in die Hände fiel. Bin schon sehr gespannt und freue mich darauf, Calvino zu lesen. Erst einmal muss ich da noch so eine Masterarbeit schreiben :D - aber meine Belohnung liegt jetzt schon zu Hause. Danke für den Tipp, ich freu mich :)

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    1. Woooaaaah, das freut mich! :D Ich bin sehr gespannt darauf, wie du ihn findest und drücke dir fleißig alle Däumchen für die Master-Arbeit!

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