31.08.2014

# Rezensionen

[Rezi] Yann Martel - Schiffbruch mit Tiger

Erscheinungsjahr: 2012
Originaltitel: Life Of Pi
Genre: Roman
Seitenzahl: 381


Teaser:
Es ist gar nicht so leicht, an die Liebe zu glauben, fragen Sie einen Verliebten. Es ist nicht leicht, an das Leben zu glauben, fragen Sie einen Biologen. Es ist nicht leicht, an Gott zu glauben, das sagt Ihnen jeder Gläubige. Wollen Sie wirklich nur das wahrhaben, an das Sie leicht glauben können?



Handlung
Kinder sind manchmal grausam. Piscine Molitor Patel weiß das am besten, denn sein Name schreit geradezu danach, verunstaltet zu werden. Und so erhält er in der Schule ganz schnell den schmeichelhaften Spitznamen "Pisser". Als er auf eine weiterführende Schule wechselt, schafft er es, einfach die Abkürzung "Pi" für seinen Namen zu etablieren, bevor es jemandem möglich war, den Namen wieder ins Lächerliche zu ziehen. Für Pi ist dieser Spitzname eine Wahl zwischen Pest und Cholera, denn eigentlich widerstreben ihm die Eigenschaften der Zahl, nach der er sich benennt. Erstens hört sie niemals auf und zweitens besitzt sie nicht einmal den Hauch einer Regelmäßigkeit. Aber sind wir ehrlich: alles ist besser, als "Pisser" genannt zu werden.
Pi ist ein aufgeweckter, intelligenter Junge, der schon früh damit beginnt, nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Dafür beschäftigt er sich mit der Religion seiner Familie - dem Hinduismus. Durch Zufall bekommt er auch Zugang zum Christentum und zum Islam und versteht überhaupt nicht, warum man nur einer einzigen Religion angehören soll. Seine Gläubigkeit wird auf eine harte Probe gestellt, als er mit seiner Familie von Indien nach Kanada auswandern möchte und dabei mit dem halben Zoo seines Vaters über den Pazifik fahren soll. Durch ungeklärte Umstände sinkt eines Nachts das Schiff und Pi findet sich völlig allein auf einem Rettungsboot mitten auf dem Ozean wieder. Wobei "allein" hier relativ zu betrachten ist. Denn Gesellschaft hat er durchaus - von einem ausgewachsenen bengalischen Tiger.

Meine Meinung
Im Vorwort des Buches heißt es, dass diese Geschichte dem Leser mindestens eine neue Betrachtungsweise auf das Leben, wenn nicht sogar den Glauben an Gott bringen würde. So krass war die Wirkung auf mich zwar nicht, aber dennoch hat mich die Geschichte enorm beeindruckt.

Allein schon die Erzählstruktur des Buches finde ich bemerkenswert. Es gibt zwei Ich-Erzähler, wovon einer mit Yann Martel selbst identifiziert werden kann und einer Pi selbst ist. Eine Autoren-Figur trifft den erwachsenen Piscine Patel, hört sich seine Geschichte an und verfasst daraufhin die Geschichte. Dieser Aufbau sorgt dafür, dass sich innerhalb der Geschichte immer wieder reflektierende Passagen befinden, in denen die Autoren-Figur Kommentare und Wertungen zu den Geschehnissen abgibt. Diese Versifizierungssignale bauen eine wirklich (so sehr ich dieses Wort in Rezis auch hasse) authentische Atmosphäre auf, in der der Leser komplett versinken kann.

Die Haupthandlung, während der Pi mit dem Tiger über den Pazifik schippert, wird eingerahmt von Pis Vorgeschichte und der Zeit unmittelbar nach dem Ende der Haupthandlung. Vor allem der erste Teil besticht durch facettenreiche Schilderungen von Pis Kindheit, die durch den Zoo, den sein Vater betrieben hat, schon ziemlich außergewöhnlich begonnen hat. Kleine Exkurse sowohl in die Welt der Zoologie als auch in die Welt der Theologie vermischen naturwissenschaftliche Logik und transzendente Überlegungen miteinander, was wiedermal beweist, dass sich diese beiden Pole gar nicht unbedingt ausschließen.

Die Zeit, die Pi auf dem Rettungsboot verbringt, nimmt den größten Teil des Raumes ein. Während dieser Zeit muss Pi nicht nur mit den größten Entbehrungen zurechtkommen und sich auf die grundlegensten Überlebensmaßnahmen besinnen und vor allem auch beschränken - vor allem die Trinkwasserbeschaffung macht ihm mitten im Salzwasser die größten Probleme - und nebenbei seine Revieransprüche vor einer riesigen Raubkatze verteidigen. Denn die einzige Chance, wie Pi diese Odyssee überleben kann, besteht darin, der Alpha-Tiger zu werden.

Der dritte und letzte Teil hat mich dann tatsächlich überrascht. Ein bisschen habe ich damit gerechnet, dass am Ende alles schnell abgefertigt wird und man - wie es ja leider öfter passiert - zack, zack aus der Geschichte rausgeworfen wird. Aber Martell hat sich auch hier Zeit genommen, um sowohl ein paar weitere philosophische Überlegungen als auch ein bisschen Humor anzubringen.

Im Gesamten kann ich dieses Buch auf jeden Fall klar empfehlen und es darf feierlich in die Annalen meiner Schatzbuchsammlung einziehen. 4 Wölkchen gibt es von mir.


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