30.04.2014

# Rezensionen

[Rezi] Jodi Picoult - Beim Leben meiner Schwester

Erscheinungsjahr: 2006
Originaltitel: My Sister's Keeper
Genre: Roman
Seitenzahl: 475


Teaser:
Eins kann ich ihnen sagen: Kein Mensch wird zum Einzelgänger, weil er die Einsamkeit genießt, auch wenn er so tut. Er wird es, weil er vergeblich versucht hat, mit der Welt klarzukommen und immer wieder von den Menschen enttäuscht wurde.




Handlung
Anna ist 13 Jahre alt, spielt gerne Eishockey, hat Probleme mit Jungs - und eine todkranke Schwester. Kate hat eine sehr seltene Form der Leukämie und Anna ist als Kates genetischer Zwilling zur Welt gekommen, um die für Kate lebenswichtigen Blut- und Knochenmarkspenden zu leisten. Doch jetzt versagen auf Grund der jahrelangen harten Behandlungen im Kampf gegen den Krebs Kates Nieren und sie steht wieder einmal kurz davor, zu sterben. Die Eltern der beiden Schwestern möchten, dass Anna Kate eine ihrer Nieren spendet, doch zum ersten Mal wehrt sich diese gegen einen solchen medizinischen Eingriff. Ihre Eltern setzen sie so unter Druck, dass sich Anna an Campell Alexander, einen Anwalt wendet, um ihr Recht auf ihren eigenen Körper einzuklagen. Damit beginnt sowohl für Anna als auch für ihre gesamte Familie, ihren Anwalt, die Verfahrenspflegerin und den Richter ein Prozess voller ethischer Konflikte und moralisch zweischneidiger Schwerter.

Meine Meinung
Kaum einem wird die Geschichte um Kate und Anna kein Begriff sein - die Verfilmung des Buches ist ja schon seit einiger Zeit auf dem Markt. Endlich bin ich dazu gekommen, die zugehörige Buchvorlage zu lesen. Aber diese hat mich nicht so ergriffen zurückgelassen, wie ich das erwartet habe. Sondern eher wütend. Aber nicht in einem positiven "Ich bin wütend auf das Schicksal, das in dieser Geschichte so unfair ist" - Sinn. Sondern in einem "Wie kann die Autorin nur?" -Sinn.

Dabei fängt eigentlich alles gut an. Oder auch nicht, je nachdem. Schließlich verklagt Anna ihre Eltern, die beide mit der Situation doch auch total überfordert sind und sich nebenbei noch um Jesse kümmern müssen - oder müssTen - und natürlich um Kate, der es wirklich wirklich schlecht geht.
Die Geschichte ist immer abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven erzählt, sodass alle Figuren eine bestimmte Charakteristik bekommen, die vielschichtig und wirklich authentisch ist.
Da sind zum einen Brian und Sara, die seit 14 Jahren ihre todkranke Tochter pflegen. Brian ist Feuerwehrmann und für die Familie ein Fels in der Brandung. Genauso ein Fels, aber irgendwie doch weicher, ist auch Sara, die verbissen darum kämpft, dass Kate noch eine Weile länger am Leben bleibt. Jesse, der älteste Sohn der Familie bleibt dabei ziemlich auf der Strecke und wird mehr oder weniger ignoriert. Wegen diese mangelnden Zuwendung und natürlich, weil er seit seinem vierten Lebensjahr um das Leben seiner kleinen Schwester bangen muss, rutscht er langsam aber sicher in die Kriminalität. Brian und Sara versuchen ihr Bestes, um die Familie zusammenzuhalten, aber Annay Klage legt plötzlich alle maroden Stellen in dieser Fassade offen, sodass es immer schwieriger wird, als Familie für den anderen da zu sein.
Auch den wichtigen Nebenfiguren Campell und Julia, dem Anwalt und der Verfahrenspflegerin, widmet sich die Autorin in einem Maße, das absolut angemessen ist und beiden Charakteren eine gewisse Tiefe verleiht und wichtige Denkanstöße für die Reflexion dieser heiklen Thematik ist.

Das Hauptproblem des Romans auf den Punkt gebracht lautet: Der Gencocktail, aus dem Anna besteht wurde extra so zusammengemischt, dass sie als Spenderin für Kate in Frage kommt. Deshalb haben ihre Eltern sie bekommen. Ihr ganzes Leben hat sie als Ersatzteillager für Kate hergehalten und dabei zum Teil schwere Eingriffe über sich ergehen lassen. Nun braucht Kate eine Niere, aber die Chance, dass sie diese Operation besteht, ist minimal. Die zentralen Fragen sind also: war es moralisch vertretbar von den Eltern, Anna so auszunutzen? Oder mussten sie sogar alles mögliche versuchen, um Kate zu retten? Ist es unfair Anna gegenüber, ihr eine Niere entfernen zu lassen, obwohl es wahrscheinlich gar nichts bringt? Und vor allem: ist Anna mit ihren 13 Jahren in der Lage, die Schwere einer Verweigerung abzuschätzen?

Können alle diese Fragen geklärt werden? Natürlich nicht. Es gibt Fragen, auf die hat einfach niemand eine Antwort. Und genau das wird durch die einzelnen Perspektiven, bei denen jede Meinung ihren Raum bekommt, sehr gut reflektiert und dargestellt. Vor allem die Beziehung zwischen Anna und ihrem Anwalt illustriert die gesamte Problematik und die furchtbare Zwickmühle, in der Anna sich befindet. Schließlich liebt sie Kate; sie ist quasi ihre beste Freundin. Es gibt nur leider bei jedem dieser Aussagen immer ein "aber...", egal von welcher Seite man es betrachtet.

Und genau so ein "aber" habe ich auch jetzt in Bezug zum Buch anzubringen. Zwar sind die Figuren gut ausgearbeitet, die Konflikte nachvollziehbar und mehrdimensional illustriert, die medizinischen Recherchen offensichtlich sehr sorgfältig erfolgt und auch der Schreibstil ist angenehm flüssig zu lesen. ABER: es gibt ein paar unverzeihliche Punkte. Fangen wir mal bei dem weniger schlimmen an: die Beziehung zwischen Campell und Julia. So unglaublich klischeemäßig, unnötig und fehl am Platz, dass es mir bei den Passagen aus der Sicht eines der beiden schon gleich kalt den Rücken runtergelaufen ist. Aber das hätte ich verziehen. Ich hätte alles verziehen, aber nicht dieses Ende. Ich werde hier natürlich nicht spoilern, aber das Ende dieses Buches hat mich so aufgeregt wie schon lange keins mehr. Es entwertet nicht nur gesamte Handlung und führt alle Konflikte, Kämpfe, Anschuldigungen und Verteidigungen ad absurdum, es ist außerdem absolut keine angemessene Auflösung der eigentlich so guten Geschichte, sondern eine feige "Ich ziehe meinen Kopf aus der Schlinge"-Aktion. Ich hätte schreien können, so sauer war ich. Und bin es immernoch.
Weil der Rest aber so gut war, bekommt das Buch trotzdem noch 3 Wölkchen von mir. Aber auch nur, weil ich mich mittlerweile wieder abreagiert habe.

Kommentare:

  1. Das klingt ja heftig :-) Der Film zieht sich ja auch charmant aus der Affäre - oder wirft neue Probleme auf? Beim Film musste ich heulen ... Du hast alles gut erklärt, eine tolle Kritik!

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    1. Danke :)
      Ach ja, beim Film fließen bei mir ununterbrochen die Tränen. Das Buch ist nicht ganz so emotionsgeladen aufgebaut, auch wenn es da natürlich auch die eine oder andere heftige Stelle gibt.
      Aber im Filmende ist 1000 Mal besser als das Ende des Buches :D

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  2. Hm - ich kenne bisher nur den Film, habe aber schon gehört, dass es hier Abweichungen zur Buchvorlage gibt - ob nun positiv oder negativ kann ich nicht bewerten. Nach deiner Rezension zu urteilen, scheint aber die Buchvorlage hier nicht wirklich überzeugend. Schade, da die Thematik ja doch ernst ist. Meine Erwartungen wären eher in Richtung "Ein ganzes halbes Jahr" gegangen, da sich auch hier für mich die Frage gestellt hatte, wie die Autorin dieses ernste und bestimmt auch umstrittene Thema in der Handlung auflösen wird.
    Schade eigentlich.
    Einen schönen - und hoffentlich abreagierten - 1. Mai.

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    1. An sich gibt es auch viele Ähnlichkeiten - zum Beispiel habe ich ganz oft einzelne Passagen wörtlich so wieder gefunden :) Abweichungen finde ich an sich aber gar nicht schlimm. Im Gegenteil. Dieses Ende hätte ich auch beim Film inakzeptabel gefunden :D

      Wirklich schade. Aber naja, da kann man nichts machen :D
      Mittlerweile gehts mir aber wieder besser ;)
      Dir ebenfalls ein schönes langes Wochenende :)

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  3. Huch!! Da werd ich wohl das Buch auch lesen müssen....mich interessiert ja brennend, wie es im Buch ist und wie der Film damit harmoniert und WARUM DU SO AUFGEWÜHLT BIST, interessiert mich am meisten =D Und gibt es etwa zwischen dem Anwalt und der Verfahrenspflegerin ne Beziehung? Von der Verfahrenspflegerin ist ja nicht wirklich was zu sehen im Film ;)

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    1. Haha, ja mach mal :) Eigentlich harmonieren Film und Buch wirklich gut. Bis halt auf dieses dämlich Ende :D
      Gibt es im Film überhaupt eine Verfahrenspflegerin? Im Buch hat sie eine ziemlich wichtige Rolle und es ist ja auch logisch, dass in einem solchen Fall eine außenstehende Person zur Beurteilung herangezogen wird. Und ja - sie hat was mit Annas Anwalt *grrr* xD

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