14.12.2013

# Rezensionen

[Rezi] Marie-Sabine Roger - Der Poet der kleinen Dinge

Erscheinungsjahr: 2011
Originaltitel: Vivement l'avenir
Genre: Roman
Seitenzahl: 238



Teaser:
Die Welt ist nicht für Menschen wie Rosewell gemacht. Sein Körper ist in sich zusammengefallen, er sieht aus, als würde er seiner Zeit als Fötus hinterhertrauern. Er ist mager, verkrümmt.




Handlung
Alex lebt zur untermiete in einem kleinen Dörfchen in der Normandie, wo es nicht gibts, außer ein paar Häusern, dem Kanal und der Hühnerfabrik, in der sie arbeitet. Warum sie hierhergekommen ist, weiß sie selbst nicht so recht, aber da sie sowieso nie lange an einem Ort bleibt, ist der Grund auch egal. Der Job ist mies, aber er bringt ihr die Miete für ihre Unterkunft ein - einem Zimmer bei dem Ehepaar Marlène und Bertrand und Bertrands spastisch behindertem Bruder Gérard. Letzteren schließt Alex fast sofort in ihr Herz - hilflos und von seiner Familie, die ihn nur als Belastung empfindet, nicht gut behandelt, empfindet sie eine merkwürdige Zuneigung zu diesem Menschen, dem sie den Spitznamen Rosewell gibt.
Während Marlène Gérard am liebsten irgendwo aussetzen will, um ihn los zu sein, lebt Bertrand in einer phlegmatischen Passivität vor sich hin und nur Alex durchbricht die frustrierte Routine und nimmt sich Zeit für Gérard. Sie hört ihm zu, versucht, seine Sätze zu entschlüsseln und nimmt ihn mit nach draußen zum Kanal. Bei einem dieser Spaziergänge treffen die beiden auf ein weiteres ungleiches Paar: Olivier, der seine Tage damit verbringt, Bierdosen in den Kanal zu werfen, und Cédric, der lieber in seinem Selbstmitleid vor sich hin suppt. Schnell ist klar: jeder der vier hat nicht das vom Leben, was er haben könnte. Und daran kann man doch etwas ändern.

Meine Meinung
Geholt habe ich mir dieses Buch, weil ich von "Das Labyrinth der Wörter" von dieser Autorin so schwer begeistert war. "Der Poet der kleinen Dinge" musste also in große Fußstapfen treten und hat das für mich nicht ganz geschafft.

Die Geschichte ist aufgegliedert in zwei Erzählstränge - einmal wird die Handlung aus Alex' Perspektive geschildert und einmal aus Cedrics. Dabei gibt es einiges Überschneidungen und Wiederholungen, aber das habe ich nicht als störende Dopplung empfunden, weil zur ähnlichen Beschreibung der äußeren Handlung ja immernoch die einzelnen Gedanknengänge der jeweiligen Person geschildert werden, die Aufschluss über ihre Denkmuster und Charakterkonzeption kommen.

An sich finde ich die Geschichte auch sehr süß - die verschlossene Alex, deren sarkastische Bemerkungen mich öfter schmunzeln ließen, weicht jedem engen sozialen Kontakt so weit aus wie möglich und kann trotzdem nichts dagegen tun, dass sie für Gérard eine Zuneigung entwickelt. Harte Schale, weicher Kern - dieser Spruch passt zu ihr ziemlich perfekt. Denn ihr Aussehen lädt auch nicht gerade dazu ein, sich mit ihr anzufreunden. Sie kleidet sich ersteinmal bewusst androgyn, weil man als Mann nicht so oft dumm angelabert
 wird und versprüht eine Wolke der Abwesenheit durch ihre gesamte Körperhaltung.
Wo Alex sehr gefestig in ihrem Charakter und ihren Ansichten ist, kommt Cédric etwas schwammig daher. Seit seine Freundin ihn verlassen hat, wohnt er wieder bei seinen Eltern, hat mit Ende 20 keine Ausbildung, keinen Job und keinen Plan für die Zukunft. Aber er kümmert sich auch nicht darum, abgesehen von gelegentlichem Lamentieren, und suhlt sich in seinem Liebeskummer.
Auch die übrigen Charaktere sind so ausgearbeitet, dass man eine Vorstellung von ihnen bekommt - allerdings abgesehen von Cédrics Kumpel Oliver und eben Gérard sehr eindimensional gehalten und nur in ihrer beschränkten Funktion agierend. Das zumindest dachte ich die ganze Zeit über, bevor ich dann am Ende von Marlène tatsächlich noch überrascht wurde, die plötzlich etwas mehr Leben eingehaucht bekommt. Was mich zu der Vermutung führt, dass die einseitige Ausarbeitung der Charaktere - speziell rede ich hier von Bertrand und Marlène - als eine Art Stilmittel zu sehen sein kann, das die Tristesse und den frustrierenden Alltagstrott im Leben dieser Familie aufzeigt, der auch nur mechanisch funktioniert, bevor Alex mit imer kleineren Veränderungen Schwung in die Bude bringt.

Der Schreibstil hat mich dagegen genauso begeistert wie in "Das Labyrinth der Wörter" - ähnlich poetisch und genaus detailreich und irgendwie... typisch französisch.
Insgesamt erhält dieses kleine Büchlein von mir 3 gute Wölkchen. Man kann es dank der kurzen Kapitel und des geringen Seitenumfangs sehr gut zwischendurch lesen und erhält eine zauberhafte Geschichte darüber, dass es manchmal nur einen kleinen Anstoß braucht, um aus einem grauen ein buntes Leben zu machen.


1 Kommentar:

  1. Hallo,
    eine schöne Rezension. Manche Bücher sind tatsächlich typisch französisch und bei "Das Labyrinth der Wörter" ging es mir ebenso. "Der Poet der kleinen Dinge" ist auch auf meiner Wunschliste, wobei Bücher es schwer haben, wenn der Vorgänger so große Erwartungen weckt. Aber es klingt wirklich nach einer netten Lektüre für Zwischendurch und literarisch unternehme ich gerne eine Ausflug nach Frankreich ^^

    Liebe Grüße und alles Gute für 2014!

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