10.12.2013

# Rezensionen

[Rezi] Antonia Michaelis - Der Märchenerzähler

Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Jugendroman
Seitenzahl: 446



Teaser:
Sie erwog nicht, so zu tun, als hätte sie wirklich nicht zugehört und wüsste nicht, dass Micha mit ihr sprach. Sie erwog es nicht einmal eine Sekunde lang. Es war nicht möglich.





Handlung
Er wird von allen nur der polnische Kurzwarenhändler genannt. Isoliert und von den ürbrigen Schülern des Gymnasiums, das auch Anna besucht, nur wahrgenommen, wenn sie von ihm Tabletten, Gras oder sonstige Drogen laufen wollen.
Eine ganz normale Schule mit ganz normalen Schülern. Kurz vor dem Abi stehend, haben die jungen Leute aber eigentlich ganz andere Dinge im Kopf als den Unterrichtsstoff. Partys und Beziehungen sind auf der Prioritäten-Liste ganz oben. Nur Anna gehört nicht so richtig dazu. Nicht, dass sie eine Außenseiterin wäre - sie hat Gitta, ihre beste Freundin, die mit dem Oberstufenschwarm zusammen ist, und geht auch hin und wieder mit den anderen feiern. Aber sie macht sich nicht viel daraus und lebt in ihrer eigenen Welt bestehend aus ihrer Leidenschaft, der Musik, und ihren Träumen für die Zukunft.
Dann trifft sie auf Abel, der ebenfalls in seiner eigenen Welt lebt. Nur, dass die nicht so rosig aussieht, wie die von Anna. Seine Mutter ist seit ein paar Wochen unauffindabr und deshalb kümmert er sich ganz alleine um seine kleine Schwester Micha. Nicht, dass es anders gewesen wäre, als seine Mutter noch da war, aber so geht den beiden erstens das Geld aus und zweitens steht das Sozialamt auf der Matte, um zu prüfen, ob Micha nicht in eine Pflegefamilie gebracht werden muss.
All das erfährt Anna, weil sie merkwürdig fasziniert ist von diesem stillen Typen, der auf alle möglichen zwielichtigen Arten Geld beschafft und trotz dieser rauen Schale ein so liebevoller großer Bruder für Micha ist. Er versucht ihr mit seinen sehr eingeschränkten Mitteln eine schöne Kindheit zu bereiten und schafft das vor allem mit seinem Talent, Geschichten zu erzählen. So erfindet er ein Märchen für Micha, das gleich auf den ersten Blick schon nicht wirklich nur fiktiv ist, das er Stück für Stück weiterspinnt und dessen Ende auch für ihn ungewiss ist. Aber mit seiner Erzählung fesselt er nicht nur Micha, sondern auch Anna, die bald alles tut, um den beiden zu helfen.

Meine Meinung
Es will schon viel heißen, wenn ich ein Buch dieser Dicke in einem Rutsch durchlese. Dafür habe ich eigentlich keine Zeit. Ich hatte auch keine Zeit. Trotzdem konnte ich es einfach nicht aus der Hand legen.Und ich musste ungewöhnlich lange über dieses Buch nachdenken, bevor ich in der Lage war, eine einigermaßen ordentliche Rezension dazu zu schreiben.

Der Inhalt dieses Buches ist gleichermaßen ernsthaft, tragisch, poetisch, herzzerreißend, wundervoll und zauberhaft - mir würden noch mehr Adjektive einfallen, aber ich bin nicht sicher, ob das hier so zielführend wäre.
Der Grundstein für diese emotionsgeladene Geschichte wird schon im Prolog gelegt, aus dem deutlich hervorgeht, dass in dieser Geschichte nichts mit märchenhafter Happy-End-Thematik und Love Peace and Harmony ist. Das Gedicht "Ballade of the young" führt den Leser in die Motivmuster der Geschichte ein und lädt gleich zu der ein oder anderen Spekulation über den Verlauf der Handlung ein. Dass jedes Wort eine Bedeutung und jeder einzelne Satz eine Botschaft hat, wird im Prolog gleich deutlich. Und das zieht sich durch das gesamte Buch. Man kann nicht einfach mal schnell ein Kaptiel lesen, sondern muss sich Zeit lassen, um der Geschichte gerecht zu werden und die ambivalente Textstruktur zu druchdringen.

Die Handlung lebt von den Figuren - das ist in jeder Geschichte so und wird in diesem Buch besonders deutlich. Sowohl die Protagonisten als auch die Nebenfiguren zeichnen sich durch detailiert ausgearbeitete Charaktere aus; sie sind absolut logisch und glaubwürdig konzipiert, sodass es wirklich ein Erlebnis ist, die Geschichte mit ihnen zu erleben.
Anna, die sich gerade auf ihr Abitur, einen anschließenden Auslandsaufenthalt und ihr folgendes Musikstudium konzentriert wird plötzlich aus ihrer kleinen Welt gerissen, indem sie in Abels Leben hineinplatzt. Durch einen Zufall kommen die beiden ins Gespräch und Anna beginnt sich für den verschlossenen Junge, der die ganze Oberstufe mit Drogen versorgt, zu interessieren. Sie kommt aus einem intakten, stabilen familären Umfeld und sieht sich plötzlich mit Abels Situation konfrontiert: eine viel zu kleine Wohnung in einem Wohnblock, eine unauffindbare Mutter, einen unbekannten Vater und eine kleine Schwester, um die Abel sich kümmert. Plötzlich wird Anna Teil dieses Gespanns und aus Abel und Micha wird Abel, Micha und Anna.
Während Micha - die ich übrigens sooo sehr ins Herz geschlossen habe, die Kleine - Anna dank ihrer kindlichen Naivität und ihrerm bedingungslosen Grundvertrauen in die Menschen, sofort akzeptiert, muss Abel erst dazu gezwungen werden, sich zu öffnen. Denn das fällt ihm gar nicht so leicht. Allerdings trägt er auch eine ziemlich große Last auf den Schultern, die es ihm schwer macht, jemandem zu vertrauen. Am besten kann er sich ausdrücken, indem er Märchen erzählt; darin verarbeitet er seine Gefühle, Dinge die passiert sind oder passieren könnten und verpackt all das in so wunderschöne Worte, Bilder und Metaphern, dass nicht nur Anna und Micha gebannt lauschen, sondern auch der Leser gefesselt an dem Buch klebt.

Verarbeitet werden in dem Buch aber wie gesagt nicht nur schöne Märchenmotive. Im Gegenteil sind diese nur Verkleidung für wirklich ernste und schreckliche Themen wie Missbrauch, Gewalt, Drogen und Vernachlässigung, und diese Kombination aus poetischer Sprache und schrecklichen Szenarien (die vielleicht passiert sind, passieren können oder passieren würden) evoziert eine solche Geballtheit an Emotionen, dass es fast nicht zum Aushalten ist. Es gibt Stellen in dem Buch, die mich ungläubig zurück ließen und noch immer bin ich damit nicht einverstanden. Irgendwie kann ich die Reaktionen der Protagonisten zwar erklären, aber weder entschuldigen noch richtig verstehen.

Ganz großes Thema in dem Buch ist auch noch der Musiker Leonard Cohen. Viele seiner Songtexte werden zitiert und wenn man sich die Lieder mal anhört, spiegeln sie perfekt die Atmosphäre des gesamten Buches wieder. So eine schwere Melancholie, die zwar durchzogen ist von einzelnen strahlenden Momenten, aber niemals wirklich verschwinden kann. Die Texte passen so umwerfend gut zu den Gedanken der Protagonisten und vor allem das Lied am Ende... dazu fehlen mir ein bisschen die Worte.

Ich. habe. Rotz. und. Wasser. geheult. bei diesem Buch. Und es wiegt immernoch schwer in meinem Kopf. Wahrscheinlich brauche ich noch ziemlich lange, um es zu verdauen. Wegen dieser Eindringlichkeit, die es schwer macht, das Buch aus der Hand zu legen, der wunderschönen Sprache, die die Wichtigkeit einzelner Kleinigkeiten hervorhebt, und der tollen Charaktere gibt es von mir die selten verliehenen 5 rosa Wölkchen und eine absolute Leseempfehlung! Und Herzchen. Viele viele Herzchen! ♥♥♥♥



Kommentare:

  1. Ich bin gerade sehr froh, dass dir das Buch gefällt. Mich hat es vor ca. einem Jahr auch sehr schockiert. Dafür spricht schon, dass ich nahezu die gesamte Handlung noch kenne ;-) Deine Rezension wird dem Buch auf jeden Fall gerecht! Würde ich es noch nicht kennen hätte ich es wahrscheinlich sofort gekauft...

    LG Anni

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  2. Liebe MelMel,

    vielen Dank für deinen Kommentar zu meiner Rezension des Märchenerzählers!
    Ja, stimmt. Die Musik passt wirklich total dazu. Ich mag es, wenn Musik oder Gedichte einbezogen werden. Das gefällt mir auch an Marzi sehr, an den mich das Buch ein Stück weit erinnert hat. Ich habe auch ziemlich lange für die Rezi gebraucht und konnte dem Buch dennoch nicht gerecht werden. Es ist eines dieser Bücher, neben dem mir meine Worte banal vorkommen. Ich muss auch gestehen, dass mir, da ich momentan auf Reisen bin, die nötige Ruhe fehlt, aber da diese noch für die nächsten Monate ausbleiben wird, musste die Rezi jetzt einfach so raus ^^

    Kompliment auch an deinen Bericht! Super geschrieben.

    Liebe Grüße
    Jacy

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