22.11.2013

# Rezensionen

[Rezi] Thomas Thiemeyer - Das verbotene Eden II. Logan und Gwen

Erscheinungsjahr: 2012
Genre: (Jugend-)Dystopie
Reihe: Das verbotene Eden - Reihe, Teil II
Seitenzahl: 457


Teaser:
Logan drehte das Radio in seiner Hand hin und her. Er war nachdenklich geworden. Er musste zugeben, die Sache mit dem Tellerrand klang irgendwie schlüssig. Kaum einer hatte Zeit, über so etwas wie Gesellschaftsformen nachzudenken.


Achtung!*Spoileralarm!*Achtung!*Spoileralarm!*Achtung!*Spoileralarm!

Handlung
Nach der Flucht ihrer Gefährtin Juna ist die Pflegerin Gwen enttäuscht. Enttäuscht von ihrer Beziehung, von ihrem Leben, enttäuscht von einfach allem. Nur in ihrem Beruf - dem Heilen - fühlt sie sich noch wohl, denn dort weiß sie meistens genau, was sie zu tun hat. Sie ist so gut, dass sie demnächst die Prüfung zur vollwertigen Heilerin ablegen soll. Doch selbst nach dieser Nachricht kann sie ihre Gedanken nicht fokussieren - immerzu fragt sie sich, warum Juna ausgerechnet mit einem Mann hatte fliehen und damit ihrer beider Beziehung verraten können. Denn eine Beziehung zwischen den Geschlechtern ist nicht nur gesellschaftlich geächtet, sondern auch politisch verfolgt. Seit vor vielen Jahren ein Virus die Menschheit befallen hat, stoßen sich Männer und Frauen gegenseitig ab, sodass sie sich räumlich getrennt voneinander ihre Existenzen aufgebaut haben und sich nur zur Fortpflanzung treffen. Dennoch hat sich Juna in David verliebt und Gwen im Stich gelassen.
Weil sie sich so verlassen fühlt, einsam und verzweifelt ist und irgendetwas tun muss, meldet Gwen sich deshalb freiwillig, einige ausgewählte Kriegerinnen der Frauenstadt Glânmor bei einer gefährlichen Mission in das Territorium der Männer zu begleiten. Die Truppe gerät in einen Überfall. Gwen ist die Einzige, der die Flucht gelingt; sie wird von Logan, einem ausgebildeten Kämpfer eines der männlichen Clans, gefunden, gerettet und aufgepäppelt. Unschlüssig, wie er mit ihr verfahren soll, nimmt Logan sie ersteinmal mit zu sich nach Hause. Dort bleibt ihm ersteinmal nichts anderes übrig, als Gwen an einen Sklavenhändler zu verkaufen - was soll man auch sonst mit einer Frau anstellen? Aber weder er noch Gwen selbst sind auf die Gefühle vorbereitet, die bei ihnen plötzlich aufflackern - Gefühle, die sie eigentlich gar nicht haben dürften...

Meine Meinung
Genau wie schon im ersten Teil dieser Reihe begenen sich hier entgegen aller Konventionen eine Frau und ein Mann und entdecken ihre Gefühle füreinander. Die Wirkung des Virus', das für diesen biologisch verheerenden Abstoßungsmechanismus verantwortlich ist, lässt langsam nach, sodass die Feindschaft zwischen Männern und Frauen hauptsächlich auf Gesellschaftsstrukturen und Gewohnheit beruht.

Zu Anfang knabbert Gwen ganz schön an Junas Flucht mit David. Wieder und wieder liest sie den Abschiedsbrief, der - Ironie des Schicksals! - von David geschrieben wurde, weil Juna als Kriegerin nie lesen und schreiben gelernt hat. Sie sühlt sich richtiggehend in ihrem Liebeskummer und ihrem Leid und versteht es fast schon als gerechte Strafe dafür, dass sie Juna nicht hatte halten können und an einen Mann verloren hat. Im Laufe der Geschichte macht Gwen dann eine krasse Entwicklung durch und wird mehr und mehr von dem unsicheren, sich selbst kasteienden Mädchen zu einer mutigen jungen Frau. An sich hat mir diese Entwicklung sehr gut gefallen - ein wenig besser ausgebaut hätte sie allerdings werden können. Zuerst muss man sich Ewigkeiten mit dem Mäuschen Gwen herumschlagen und irgendwann hat man plötzlich eine selbstbewusste Figur, ohne das eine wirkliche Zwischenstufe thematisiert wurde.

Logan dagegen ist schon gleich als gefestigter Charakter angelegt, der sich zwar über einiges klar werden muss, aber der sich seiner Stärken genauso bewusst ist wie seiner Schwächen und danach handeln kann. Im Grunde sind bei den beiden Protagonisten die Beziehungsverhältnisse genau anders herum als im ersten Teil bei David und Juna - da war Juna die draufgängerische Kriegerin und David der besonnene Mönch. Obwohl man die Konstellation durchaus auf diese Aussage herunterbrechen kann, möchte ich damit nicht sagen, dass es sich hier um ein Äquivalent zum ersten Teil heißt. Die Figuren sind jeweils vielschichtig genug gezeichnet, dass jede eine eigene Identität und vor allem Individualität zukommt. Sowieso finde ich, dass es eine Stärke von Thiemeyer ist, seinen Figuren Leben einzuhauchen; ein bisschen schade ist gerade deshalb, dass den Nebenfiguren nicht auch ein bisschen Raum zukommt, um sich zu entfalten und ein bisschen aus ihrer stereotypen Rollenfunktion herauszutreteten.

Die Kapitel sind abwechselnd aus der Sicht Logans und Gwens geschrieben; mich hat ein bisschen gewundert, dass es doch ziemlich lange dauerte, bis die beiden sich endlich begegnen. Gerade in der ersten Hälfte gab es auch einige Längen, die nicht hätten sein müssen. Dennoch wird die typisch dystopische Atmosphäre anschaulich transportiert. Ein sehr rudimentärer Lebenstil ergänzt von einem fast völligen Verlust der technischen Fähigkeiten zwingen die Menschen zu einem Leben ohne Elektrizität und allgemein ohne die Erfindungen der Moderne. Außer natürlich, es gelingt einem schlauen Zeitgenossen, eines der übrigegebliebenen Autowracks wieder zum Laufen zu bringen. Diese Fähigkeit haben natürlich hauptsächlich Männer - die Frauen reiten Amazonen gleich mit Pfeil und Bogen durch die Gegend. Ein bisschen Klischee muss halt doch sein.

Was ich sowohl bei Teil eins als auch bei Teil zwei aber einfach am faszinierendsten finde, ist die Debatte darum, welchem Geschlecht der Lebenspartner angehören muss. Die kann man umgedreht eins zu eins auf die aktuelle Gegenwart übertragen. Thiemeyer macht ein interessantes "wenn - dann"-Gedankenspiel auf. Was wäre, wenn die gemischtgeschlechtliche Beziehung so krass verurteilt werden würde, wie es in der Realität mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen (hust...zum Beispiel in Russland...hust) geschieht? Die Argumente sind in beiden Szenarien haargenau die selben und das finde ich schon sehr bezeichnend dafür, die unlogisch diese Debatte ist.

Insgesamt hat mir der zweite Teil dieser Trilogie tatsächlich einen Hauch besser gefallen, als der Auftakt. Das ist schon eine Seltenheit. Hier werden die Gesellschaftsstrukturen, in denen Gwen und Logan leben, mehr und mehr hinterfragt und beginnen langsam aber sicher zu bröckeln. Das war für mich irgendwie das Zünglein an der Waage. 3 Wölkchen gibt's von mir dafür.


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