07.08.2013

[Rezi] Marc Deckert - Die Kometenjäger

Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Entwicklungsroman
Seitenzahl: 413



Teaser:
Dank Tom kannte ich alle Phasen und Metamorphosen dieser Stunden zwischen Tag und Nacht. Ich konnte sie beinahe so klar unterscheiden wie Tag und Nacht selbst: die „rechtliche“ Dämmerung, die nautische Dämmerung, die astronomische Dämmerung.




Handlung
Seit jeher sind die Menschen von den Sternen und dem Weltall fasziniert. In den 60er Jahren gab es einen regelrechten Boom von selbsternannten Astronomen, die zu jeder freien Minute den Sternenhimmel beobachteten, um als erster einen neuen Kometen zu entdecken und damit unsterblich zu werden. Heute, 60 Jahre später, wird diese Suche von Super-Computer-Teleskopen übernommen, die viel präziser und systematischer Arbeiten können, als das menschliche Auge – egal durch welches Okkular es verstärkt wird. Doch Tom träumt trotzdem davon, eines Tages selbst einen Kometen zu entdecken. Sein Observatorium hat er von seinem Großvater geerbt und sein Herzstück ist das alte Clark-Teleskop, mit dem schon dieser den Nachthimmel abgesucht hat. Die romantische Vorstellung von echtem Forschergeist ohne die kalte Technik treibt Tom dazu an, immer weiter den Nachthimmel zu studieren.

Er und Philipp lernen sich in einem bayrischen Observatorium kennen; Tom installiert gerade ein neues Teleskop und Philipp recherchiert für einen Zeichenauftrag, den er vor kurzem erhalten hat. Er soll für ein wissenschaftliches Buch die Illustrationen anfertigen und für ihn ist das eine richtige Chance, weil er ansonsten keinen Job hat und auch nicht so richtig weiß, was er mit seinem Leben anstellen soll. Er wird von Tom und seiner Sehnsucht nach den Sternen angesteckt, lernt einiges über Planeten, den Nachthimmel und obwohl er und Tom zwei grundverschiedene Menschen sind, freunden sich die beiden an. Als Tom sein geliebtes Teleskop verkaufen muss, weil sein Vater schwerkrank ist und die Behandlung nicht bezahlen kann, machen sich die beiden auf nach Amerika, um den Käufer persönlich kennen zu lernen und entdecken dabei die dunkelsten Stellen Arizonas und lernen einiges mehr über die Sterne und über sich selbst.

Meine Meinung
Auch wenn die Geschichte aus der Perspektive Philipps erzählt wird, ist doch Tom der eigentliche Protagonist. Um ihn zentriert sich die Erzählung und auch irgendwie Philipps Leben. Zumindest ab dem Moment, an dem Tom ihn anfixt und ihn zwar nicht zu einem Sucher macht, aber ihn dennoch mit der Faszination für die Sterne ansteckt.
Obwohl die beiden charakterlich ganz unterschiedlich gepolt sind, entsteht dadurch eine ziemlich enge Freundschaft. Allerdings ist die Liebe zu den Sternen auch nicht das einzige, was die beiden verbindet. Außerdem sind sich nämlich beides ziemliche Versager, die mit ihrem Leben noch nichts angefangen haben.

Zumindest meiner Meinung nach. Tom ist Anfang 20, hat keinen richtigen Job, keine Ausbildung oder sonst irgendeine Perspektive und sitzt immer entweder in seinem privatem Observatorium herum oder fährt nachts durch die Gegend, um die dunkelsten Stellen zu finden. Das ist in Deutschland gar nicht so leicht, denn durch die vielen Städte ist es eigentlich nie richtig dunkel und man kann nur einen Bruchteil der Sterne erkennen. Tom hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, aber da sein Vater keine Krankenversicherung hat und an Darmkrebs erkrankt, reicht das Geld nicht aus, um eine Behandlung zu bezahlen. Deshalb entschließt er sich nach einigem Widerstreben dazu, das wertvolle Teleskop zu verkaufen.
Philipp ist noch eine Spur schlimmer. Er ist nämlich Ende 20 und hat ebenfalls keinen Job, keine Ausbildung, kein Studium oder irgendwas, was man effektive Lebensgestaltung nennen kann. Seine Freundin promoviert grade und er fühlt sich immer mehr wie das fünfte Rad am Wagen, weil er selbst merkt, wie wenig er im Vergleich erreicht hat. Es ist aber auch wirklich schlimm mit ihm: er verrichtet Jobs, bei denen er sein Potential verschenkt und zeichnet in seiner Freizeit leidenschaftlich vor sich hin. Dass er das gar nicht mal schlecht macht, beweist der Verlagsauftrag für das wissenschaftliche Buch, aber auch das verläuft sich wieder. Doch bei seinen Recherchen lernt er Tom kennen und startet damit in ein kleines Abenteuer.

Tom weiß, was er will und tut alles dafür, um es zu erreichen, auch wenn der Plan extrem unrealistisch ist. Philipp hat keine Ahnung, was er will und sieht überall unüberwindbare Hindernisse. Beziehungsweise ist zu bequem, um sie zu nehmen. In gewisser Weise tun sich die beiden gut, weil sie fast jeweils wie ausgleichende Pole aufeinander wirken. Aber Tom ist immer der dominante, der Philipp mitzieht, was mehr oder weniger dazu führt, dass die beiden von einer skurrilen Situation in die nächste schlittern. Der Trip nach Amerika ist eine Entdeckungsreise: Tom entdeckt weiter die Sterne und Philipp entdeckt langsam mal seine Persönlichkeit. Darüber kann man als Leser sehr froh sein, denn gegen Ende wird er dadurch ein bisschen plastischer.
Ansonsten allerdings wird die Geschichte zum Ende hin schwächer – die Ereignisse wirken zu konstruiert, die meisten Figuren zu platt und überhaupt wird man der ewigen Landschaftsbeschreibung überdrüssig. Davon gibt es nämlich im gesamten Buch sehr viel: Tag und Nacht wird detailliert jede Landschaft beschrieben, durch die unsere Entdecker kommen und das ist gepaart mit den wissenschaftlichen Exkursen zu Astronomie teilweise ein wenig ermüdend. Dennoch fand ich gerade die Einschübe, in denen man einiges über Kometen und vor allem auch die Forschungsgeschichte der Astronomie lernen konnte, meistens sehr interessant; auch handlungslogisch hatten diese Passagen die Funktion, Toms Begeisterung zu illustieren und eine wirklich dichte Atmosphäre zu schaffen, in die man sich fallen lassen konnte.

Durch die Geschichte bin ich in den letzten Nächten, in denen ich draußen war, immer mit nach oben gerichtetem Blick und viel aufmerksameren Augen durch die Gegend marschiert, weil sie mir doch nachgehangen hat. Deshalb bin ich auch bei der Bewertung ein wenig unschlüssig. Auf der einen Seite hatte das Buch wirkliche Längen und einen sehr geradlinigen Spannungsverlauf. Auf der anderen Seite ist der Schreibstil wirklich einnehmend und die Entwicklung, die Philipp durchmacht, sehr interessant zu verfolgen, sodass ich mir einfach nicht sicher bin, wie die kurz-knackige Gesamtwertung aussehen soll. Ich denke, mit 3 Wölkchen bin ich in der diplomatischen Mitte; die Geschichte hat so viele Schlagseiten in die verschiedensten Extreme, dass mir nichts anderes übrig bleibt ;D

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen