28.08.2013

[Rezi] Carlos Ruiz Zafón - Der Schatten des Windes

Erscheinungsjahr: 2003
Originaltitel: La sombra del viento
Genre: Roman
Reihe: Friedhof-der-vergessenen-Bücher-Reihe, Teil 1
Seitenzahl: 562


Teaser:
Ich konnte nicht einschlafen, bis der Morgen mein Fesnter mit hundert Grautönen übergoß, einer betrüblicher als der andere. Fermín, der vom Kirchenplatz aus Steinchen an meine Scheibe warf, weckte mich.



Handlung
Von seinem Vater, einem Buchhänder, wird Daniel Sempere mit 10 Jahren in die Geheimnisse des Friedhofs der vergessenen Bücher eingeweiht. Dort wird jedes Buch, das davon bedroht ist, in Vergessenheit zugeraten, aufbewahrt. Jeder, der den Friedhof zum ersten Mal betritt, darf sich ein Buch aussuchen, es mitnehmen und muss es dann wie seinen Augapfel bewachen. Das Buch, das Daniel aus den Unmengen von Regalen herauszieht, trägt den Titel "Der Schatten des Windes" und wurde von einem gewissen Julián Carax geschrieben. Innerhalb einer Nacht verschlingt der Junge das Buch, das ihm eine ungeahnte Welt eröffnet und macht sich gleich am nächsten Tag auf die Suche nach weiteren Werken des Autors. Dabei wendet er sich an einen Kollegen seines Vaters, der Experte für seltene Bücher ist und dessen blinde Nichte Clara sich gerade bei Carax gut auskennt. Trotzdem ist kein weiteres Werk des Autors aufzutreiben, denn irgendein Unbekannter scheint alle Bücher von ihm gesammelt und anschließend vernichtet zu haben. Und dieser Unbekannte hat jetzt auch ein Auge auf Daniel geworfen, der eines der wenigen noch existierenden Bücher von Carax besitzt und es unter keinen Umständen hergeben möchte.
Zeitgleich stürzt Daniel sich in eine hoffnungslose Verliebtheit zu Clara, die nicht nur 10 Jahre älter ist als er, sondern seine Naivität nur auszunutzen scheint. Doch auch diese Beziehung kann Daniel nicht langfristig von der einen Frage ablenken, die er erst 10 Jahre später wird aufklären können: was ist Julián Carax' Geschichte und warum versucht jemand diese ganze Existenz verschwinden zu lassen?

Meine Meinung
Dieses Buch war - um mich des englischen Begriffs zu bedienen - ein Re-Read. Schon vor einiger Zeit habe ich das erste Mal Bekanntschaft mit Daniel und dem Friedhof der vergessenen Bücher gemacht und wie damals auch hat mich das Buch wieder verzaubert.
Als Daniel den Friedhof der vergessenen Bücher betritt, ist er ein sensibeler Junge, dessen Mutter mit vier Jahren gestorben ist und über deren Verlust sein Vater nie wirklich hinweg gekommen ist. Trotzdem hat er eine unter diesen Umständen so geborgene Kindheit wie es eben möglich war und eine gute Beziehung zu seinem Vater. Die beiden teilen ihre Liebe zu Büchern und deshalb wird auch Daniel in diese Gruppe Eingeweihter eingeführt. Erst nach und nach wird ihm bewusst, dass die Entdeckung des Friedhofs seinem Leben eine entscheidende Wendung gegeben hat. Denn dadurch wird er in eine undurchsichtige Geschichte voll von Lügen, Missgunst und Intrigen hineingezogen, die zwar längst vergessen scheinen, aber ihre Spuren auch in der Gegenwart hinterlassen haben.

Ich liebe ja Bücher, in denen es um Bücher geht. Dass dieses Thema hier im Laufe der Geschichte eher eine untergeordnete Rolle spielt, tut meiner Begeisterung keinen Abbruch. Die durch und durch romantische (und das meine ich im elementarsten Sinn des Wortes) Erzählung steigert sich mit jeder Seite, die man umblättert und gerade das letzte Drittel überzeugt vollkommen. Die ersten 100-150 Seiten zogen sich ein bisschen, aber dann hat die Story Fahrt aufgenommen und als Leser sieht man sich zunehmend in die Geschichte verwickelt ohne sie schon durchschauen zu können.

Eine gute Geschichte steht und fällt bekanntlich mit den Figuren, die sie tragen. Und so gut wie der Plot ist (oder besser die verschiedenen Plots sind), so grandios sind auch die Charaktere. Daniel entwickelt sich vom kleinen Jungen, den ein geheimnisvolles Buch lockt, zu einem schlagfertigen, charakterstarken Menschen, der nicht immer die besten Entscheidungen trifft, aber dennoch zu seinem Handeln steht und der sich vor allem nicht so leicht abwimmeln lässt. Seine Naivität behält er die gesamte Story über bei, und zum Glück trifft er auf Leute, die ihm wohlgesinnt sind und ihn bei der Aufklärung der Geheimnisse rund um Carax helfen können. Allen voran sind da natürlich Fermín, der mir mit seiner Eloquenz und seiner Unverschämtheit wirklich unheimlich ans Herz gewachsen ist und ohne den der Roman nicht das selbe wäre. Dieser hat dank seiner bewegten Vergangenheit zwielichtige Kontakte zu diversen halb-kriminellen Etablissements und kann daher sehr wertvolle Informationen beschaffen.

Der Schreibstil dieses Buches ist sehr ausdrucksstark, blumig, verschnörkelt, kunstreich und voller Aphorismen. Zeitweise, muss ich gestehen, war es mir ein bisschen zu dick aufgetragen. Vor allem am Anfang, als Daniel als 11-jähriger Junge ständig irgendwelche Kalenderweisheiten von sich gibt, habe ich mich öfter gefragt, ob Zafón sich da nicht ein bisschen hätte zusammenreißen können. Aber rückblickend betrachtet geht es hier gar nicht so richtig um den Realitätsbezug und eine möglichst wirklichkeitsnahe Darstellung eines Kindes, sondern darum, Daniels Empfindsamkeit und seinen offenen Blick für die kleinen Dinge in seiner Umgebung darzustellen.

"Der Schatten des Windes" ist sicher kein Buch, das man so einfach runterlesen kann. Man muss aufpassen, dass man die Handlungsstränge, die sich in den Eckpunkten stark ähneln, nicht miteinander verwechselt oder vermischt. Und auch die gesamte Bedeutung der spielerisch verwendeten Worte ist nicht auf Anhieb erkennbar. Aber für mich ist dieses Buch ein wahrer Schatz und erhält ganz eindeutig 5 rosa Wölkchen und eine absolute Lesemepfehlung.


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