06.04.2013

[Rezi] Khaled Hosseini - Tausend strahlende Sonnen

Erscheinungsjahr: 2009
Originaltitel: A Thousand Splendid Suns
Genre: Roman
Seitenzahl: 381


Teaser:
Ihr ist klar, dass unzählig viele afghanische Biografien von Verlust und Trauer gekennzeichnet sind. Und doch schaffen es diese Menschen weiterzumachen. Laila denkt an ihr eigenes Leben, an das, was ihr widerfahren ist, und staunt darüber, immernoch am Leben zu sein, hier im Taxi zu sitzen und der Geschichte dieses Mannes zuzuhören.



Handlung
Mariam kommt 1959 als uneheliches Kind einer Hausangestellten in Herat, einer Stadt in Afghanistan, zur Welt. Sie und ihre Mutter werden verstoßen und müssen außerhalb der Stadt in einer winzigen Hütte, einer kolba, leben, damit der reiche Vater seine Ehre wahren kann. Als Mariam 15 Jahre alt ist, erhängt sich ihre Mutter und sie wird von der Familie ihres Vaters mit einem Mann verheiratet, der 30 Jahre älter ist als sie. Mit diesem zieht sie nach Kabul und ist damit auch räumlich vom Leben ihres Vaters so ausgeschlossen, wie sie es emotional schon immer war.
Es scheint so, als hätte es Mariam mit Raschid gar nicht so schlecht getroffen. Jedenfalls, wenn man seine Ansprüche sehr weit unten ansetzt. Aber immerhin ist sie in der fremden Stadt nicht mehr die wertlose, uneheliche Tochter eines reichen Mannes, sondern die respektierte, wenn auch scheue Ehefrau eines ehrenwerten Arbeiters. Doch die Tatsache, dass sie anscheinend keine Kinder mehr bekommen kann, frustriert ihren Mann so sehr, dass er ihren Anblick irgendwann kaum noch ertragen kann.
Nach 20 unglücklichen Ehejahren rettet Raschid das Nachbarsmädchen Laila aus den Trümmern ihres Elternhauses. Krieg herrscht in Afghanistan und auch Kabul bleibt davon nicht verschont. Laila wird Raschids Zweitfrau und ihr steht ein ähnlich entbehrungsreiches Leben bevor wie Mariam. Durch ihre gegenseitige Unterstützung versuchen die beiden, ihr Leben so gut es geht zu meistern.

Meine Meinung
Dieses Buch versetzt den Leser mitten hinein in eine ganz andere Welt. Es erzählt die Geschichte von zwei Frauen, deren Lebensläufe durch gemeinsam ertragene Qualen und gemeinsam erlebte, kleine Momente der Freude miteinander verknüpft werden und die in einer Gesellschaft, in der Frauen keine Rechte haben und kaum etwas wert sind, trotzdem ihre Würde und ihre Stärke bewahren.

Das Buch besteht aus 4 Teilen. Teil 1 und 2 führen jeweils Mariam und dann Laila ein. Beide wachsen unter vollkommen verschiedenen Umständne auf. Mariam lernt schon früh, dass sie keinen Respekt zu erwarten hat, dass sie immer an allem Schuld trägt und nichts wert ist. Als uneheliches Kind wird sie von ihrem Vater zwar enmal pro Woche besucht, doch in der Öffentlichkeit will er nicht mit ihr gesehen werden. Als ihre Mutter stirbt und ihre Welt zusammenbricht, kennt man sie und ihre Vergangenheit so gut, dass all ihre Handlungen im Verlauf der Geschichte nachvollziehbar sind. Laila dagegen ist die jüngste Tochter eines liberal eingestellten Lehrers und seiner Frau. Obwohl sie viel jünger ist als Mariam, ist sie dank ihrer Schulausbildung schon früher erwachsener und nicht so naiv. Ihr Vater hat für Laila eine berufliche Karriere geplant; er möchte, dass sie studiert, arbeitet und nicht als Ehefrau versauert, wie so viele andere Frauen in ihrem Land. Doch der Krieg zerstört diese Hoffnung und Laila findet sich als Zweitfrau von Raschid wieder.
Ich muss zugeben, dass ich über Afghanistan und die die Hintergründe des Bürgerkriegs dort eigentlich überhaupt nichts weiß. Die Geschichte dieses Landes ist mir fast völligt fremd. Dieses Buch hat mir einiges darüber näher gebracht. Vor dem Hintergrund tatsächlich stattgefundener Kriege nimmt der Autor aus der Masse der Opfer zwei Einzelschicksale heraus und verdeutlicht daran, welche schrecklichen Verluste diese Menschen ertragen mussten und immernoch müssen. Es kristallisiert sich die Maxime heraus, die mittlerweile eigentlich wirklich jedem noch so blindem Menschen klar sein müsste: Frieden erreicht man niemals, indem man Krieg führt.

Dieses Paradox zieht sich durch das ganze Buch und doch bleibt den Personen darin nichts anderes übrig, als daran zu glauben, dass nach den Kämpfen der Frieden kommt. Hoffnung ist das einzige, was sie noch haben.
Der Einblick in die Lebenswirklichkeit der Menschen - ich unterstelle dem Autoren jetzt einfach Mal gute Arbeit; auch wenn die Geschichte natürlich fikitv ist, gibt es sicher viele Menschen, die ein ähnliches Schicksal hatten wie die Personen im Buch - hat mich sehr beeindruckt. Für die Rezipienten der Berichterstattung hier im Westen sind die Taliban spätestens sei 9/11 das Feindbild schlechthin. Doch für die Menschen direkt in Afghanistan sind sie noch viel schlimmer. Unterdrückung und Gewalt stehen selbst bei "ihren eigenen" Leuten an der Tagesordnung.
Trotz aller Verluste ist es kein komplett düsterer Roman. Es gibt immer wieder kleine Momente der Hoffnung, die, wegen ihrer Seltenheit, noch viel wertvoller sind.

Doch trotz allen Lobes muss ich sagen, dass mich der Schreibstil nicht zu 100% packen konnte. Es war eine für mich irritierende Mischung aus distanzierter Beschreibung und emotionaler Innensicht. Den Einstieg habe ich relativ schwer gefunden, obwohl mich die Erzählung nie gelangweilt hat. Deshalb gibt es ein bisschen Punktabzug. Trotzdem ein tolles Buch, das unbedingt lesenswert ist.


Kommentare:

  1. Hallo MelMel,
    Ich habe dieses Buch vor Jahren gelesen und ea hat mich damals zu Tränen gerührt - allen voran die Szene mit dem Brief und der Videokassette vom Vater am Ende :'(
    Deine Rezension gefällt mir gut, du bringst die Problematik von dem Krieg im eigenen Land gegen die eigene Bevölkerung gut auf den Punkt. Ich persönlich hatte nicht so große Schwierigkeiten mit dem Schreibstil, kann aber verstehen, dass er gewöhnungsbedürftig ist.
    Liebe Grüße, KQ

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    1. Danke für das Lob :)
      Die Stelle fand ich auch sehr rührend. Es gab einige wirklich tolle Szenen (auch bei Laila! Ich würde jetzt zu gerne spoilern, aber ich lasse es xD ) und insgesamt hat mir das Buch ja auch gut gefallen. Auch, wenn einem der Schreibstil nicht richtig zusagt, kann man das Buch also super lesen :)

      Liebe Grüße :D

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  2. Hi,

    schöne Rezension. Das Buch steht auch noch in meinem Regal. Nachdem mich "Drachenläufer" aber emotional schon so mitgenommen hatte, dass ich damit zunächst pausierte, möchte ich dieses gerne beenden, bevor ich damit beginne.
    Ich bin schon sehr gespannt und wünsche dir noch ein schönes Wochenende.

    Patricia

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