22.04.2013

# Rezensionen

[Rezi] Bettina Belitz - Linna singt

Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Jugendroman
Seitenzahl: 508



Teaser:
Jetzt gibt es nichts mehr, womit ich mich noch wärmen könnte, denn die einzige Erinnerung, die mich das Frieren für eine Weile vergessen lassen konnte, ist vergangen wie die Hitze eines langen Sommers in der ersten kalten Herbstnacht. Sie wird nicht wiederkehren.




Handlung
Linna hat die ehemaligen Bandmitglieder von "Linna singt" seit fünf Jahren nicht mehr gesehen. Zusammen mit Maggie, Jules, Simon und Falk war sie in ganz Speyer bekannt als die beste Schülerband weit und breit. Denn jeder von ihnen hat sein ganz persönliches Talent auf seine Weise in das musikalische Gesamtwerk einfließen lassen, sodass alle Lieder zu etwas ganz besonderem wurden, auch wenn die Band an sich "nur" gecovert hat. Doch dann hat Linna die Band aufgelöst. Urplötzlich und ohne Vorwarnung hat sie das zerstört, was lange Zeit der Lebensinhalt von ihr und fünf weiteren Menschen war. Sie hat den anderen keinen Grund dafür genannt und die anderen mussten gezwungenermaßen ihre Entscheidung aktzeptieren. Denn auf Linnas Stimme waren sie angewiesen. Nich umsonst hieß die Band "Linna singt"; eine nicht nur rein pragmatische Entscheidung, denn zu Anfangszeiten wechselte die Besetzung ständig und nur Linna blieb als Leadsängerin fest.

Und jetzt trommelt Maggie nach fünf Jahren ohne Kontakt die Mitglieder von "Linna singt" zusammen, weil ein letztes Konzert ansteht, an dem sie unbedingt auftreten will. Zum Proben fahren die 6 zuammen mit Tobi, einem ehemaligen Rowdie, in die Berge zur Hütte von Tobis Onkel, um dort zu proben. Linna hat eigentlich keine große Lust und mit dem Singen hat sie sowieso vollkommen aufgehört, aber trotzdem fährt sie mit. Zu groß ist die Neugier, weshalb Maggies Herz so sehr an dem Konzert hängt und warum sich die anderen so verändert haben. Und zu sehr nagt die Vergangenheit trotz allen Verdrängens an ihr.
Nach einem Schneesturm steckt das Grüppchen in der Hütte fest und es gibt kein Entkommen von dem zunächst latenten, doch dann immer brutaleren Psychospiel, das einer - oder alle - gegen Linna veranstalten.

Meine Meinung
Selten kommt es vor, dass ich für ein Buch eine Lesenachtschicht einlege, weil ich nicht aufhören kann zu lesen. Noch seltener kommt es vor, dass ich am Ende eines Buches weine - nicht, weil es so traurig oder bewegend ist (was in diesem Fall natürlich auch eine Rolle gespielt und zur Tränanflut beigetragen hat), sondern aus echtem Bedauern darüber, dass es vorbei ist und ich mich von den liebgewonnenen Personen verabschieden muss.
Beides zusammen kommt so gut wie nie vor. Aber dieses Buch hat es tatsächlich geschafft, mich so dermaßen in seinen Bann zu ziehen, dass ich mit den Gedanken eigentlich ständig bei der Geschichte war, selbst wenn ich grade gar nicht gelesen habe.

Allein Linna ist als Protagonistin so vielschichtig und fesselnd, dass es kaum auszuhalten ist. Am Anfang hat man als Leser noch keine Ahnung, warum sie die Band aufgelöst hat oder was der Grund bzw die Gründe für diese unterschwellige feindseelige Stimmung, die innerhalb der Gruppe herrscht, sind. Aber man spürt, dass tief vergraben des Rätsels Lösung liegt. Jeder einzelne der Bandmitglieder verbirgt irgendetwas und so schwelen die Konflikte schon am Anfang, weil niemand aufspringt und Klartext redet. Jeder möchte verstanden werden, aber keiner erklärt sich. Allen voran Linna, die wohl die Verschlossenste von allen ist. Von diesem Ausgangspunkt aus entwickelt sich die Geschichte und der Leser bekommt immer kleine Einblicke in die Lebenswelten der anderen und so lüften sich langsam die Geheimnisse. Allem voran steht natürlich die Frage, was Linna erlebt haben muss, damit sie nicht nur die Band auflöst, sondern auch das Singen komplett aufgibt.

Die Situation in der Hütte spitzt sich dramatisch zu, als morgens plötzlich Botschaften an die Wände geschmiert werden, die augenscheinlich zunächst die Funktion haben, Linnas Außenseiterposition noch weiter zu verstärken. Da wird zum Beispiel ihr kurzer Aufenthalt in einer Psychatire erwähnt und Linna steht vor den anderen mehr denn je wie eine Verrückte dar. Was in der Geschichte ganz deutlich wird, ist dabei allerdings die Tatsache, dass nicht nur die anderen Linna aktiv in diese Rolle drängen, sondern dass Linna sich dorthin drängen lässt. Ihr gelingt es nicht, aus ihren alten Handlungsmustern auszubrechen und verliert deshalb mehr und mehr an Glaubwürdigkeit. Sie kommt immer wieder in Sitautionen, in denen sie zu viel sagt, und umgekehrt sagt sie in manchen wichtigen Momenten zu wenig oder gar nichts. Die Verzweiflung, die sie mit sich herumträgt und die sie schon beim Singen früher zu überschwemmen drohte, wächst mit jedem Tag in dieser Hütte.
Doch auch die anderen haben ihr Päckchen zu tragen und gemeinsam geben sie - überspitzt ausgedrückt und höchstens ein bisschen lächerlich gemeint - einen ganzen Haufen Psychos ab, sodass die Geschichte unvorhersehbar und undurchdringlich ist.

Ganz besonders auffällig ist das allgegenwärtige Thema Musik. Nicht nur, dass diese gemeinsame Leidenschaft die Bandmitglieder immer auf eine gewisse Weise verbindet, transportiert Musik in diesem Roman - obwohl ein Buch eigentlich ja nicht ganz das Medium ist, mit dem Musik agiert - unheimlich viele Emotionen. Man kann mitfühlen, auch wenn man die genannten Titel gar nicht kennt, denn die Autorin vermag nicht nur die Landschaft detailiert zu beschreiben, sondern auch die Musik und ihre Wirkung auf das Innenleben ihres Personal.
Allgemein ist der Schreibstil so eindringlich, dass ich fast überwältigt worden wäre, gäbe es da nicht diese kleinen, zynischen Bemerkungen, die hin und wieder eingestreut sind und trotz allem Chaos und all dem Schmerz für ein paar Schmunzler sorgen.

Ach, ich bin einfach verliebt in dieses Buch. Obwohl es für mich normalerweise in absolutes No-Go ist, wenn die Figuren nicht miteinander kommunizieren und Dinge dadurch unnötig kompliziert machen. Aber dadurch, dass man sich mit dem Innenleben der Charaktere so intensiv auseinandersetzt, lernt man ihre Beweggründe vielleicht nicht verstehen, aber zumindest nachzuvollziehen und vor allem habe ich so mit Linna mitgefühlt, die einfach nicht rauskann aus ihrer Haut. Aber Hoffnung gibt es immer. Auch in dieser Geschichte.
Alles in allem kann ich ja nach dieser Lobeshymne eigentlich nur noch die allervollste Punktzahl vergeben. Folglich erhält dieses Buch von mir 5 rosa Wölkchen, Liebelingsbuchstatus und eine uneingeschränkte Leseempfehlung.


Kommentare:

  1. Toll, dass dir das Buch so gut gefallen hat :) Bei mir liegt es nämlich noch auf dem SuB und ich bin auch schon sehr gespannt darauf^^ Von Bettina Belitz Büchern war ich bisher sowieso begeistert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich jetzt von "Linna singt" enttäuscht werde, auch wenn es vom Thema ganz anders ist, als die Bücher, die ich bis jetzt von ihr gelesen habe. Auf jeden Fall wundervolle Rezi, die mir richtig Lust macht, das Buch sofort in die Hand zu nehmen und mit Lesen zu beginnen. Leider müssen vorher aber noch ein paar andere Bücher beendet werden^^

    Liebe Grüße,
    Filo

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  2. Dank deiner Rezension freue ich mich jetzt sehr auf das Buch: Es subt bei mir noch rum ;) Aber irgendwie ist es für mich sofort ein Winterbuch gewesen. Vllt. ja wegen dem Cover? Auf jeden Fall kann es sein, dass es deshalb noch länger bei mir im Regal steht.
    Bin mir jetzt aber sicher, dass dieses Buch etwas für mich ist :)

    LG Anni

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