26.01.2013

# Rezensionen

[Rezi] John Niven - Gott bewahre

Erscheinungsjahr: 2011
Originaltitel: The second coming
Genre: Humor/Satire
Seitenzahl: 400


Teaser:
Während Gott und Jesus in einem gläsernen Aufzug zu Hölle hinabfahren, dudelt im Hintergrund leise eine weichgespülte Panflötenversion von R. Kellys "I belive I can fly". Gott trägt einen maßgeschneiderten Anzug, hellgrau mit einem kreidefarbenen Nadelstreifen und fallendem Revers.



Handlung
Was würde Gott wohl sagen, wenn er mitkriegen würde, was die Menschheit auf der Erde für ein Leben führen? Wenn er sich die letzten 400 Jahre bei einem kleinen Urlaub entspannt hätte und sich dann bei seiner Rückkehr auf den neusten Stand der Dinge bringt und Umweltzerstörung, Kapitalismus, Kriege, Machtgier, religiöse Fanatiker nur die Spitze des katastrophalen Eisbergs sind? Erstmal würde er seine Vertretung - bestehend aus Petrus, Matthäus, Andreas, Johannes und in leitender Position sein Sohn Jesus, zur Schnecke machen und nach einem Besuch bei Satan - der zur Zeit viel Arbeit hat - beschließen, dass es so nicht weitergehen kann.
Also greift er zu einem altbewährten Mittel zurück: er schickt Jesus nochmal zur Erde, wo er den Menschen die einzig wahre Botschaft Gottes bringen soll. Seid lieb ist das einzige, was Gott von den Menschen erwartet - und was diese zu seiner Erschütterung in keinster Weise erfüllen. Jesus bemerkt schnell, dass die alte Prediger-Nummer bei den Menschen der Gegenwart nicht mehr zieht und nimmt deshalb an der größten Casting-Show Americas teil, um so viele Menschen wie möglich zu erreichen.

Meine Meinung
Jesus Christus sitzt gitarrespielend mit Jimi Hendrix im Himmel und fachsimpelt mit diesem bei einem Joint über Musik.
Und dann kommt Gott vom Urlaub zurück und vorbei ist das entspannte Leben. Der heilige Vater ist nämlich in keiner Weise amüsiert darüber, wie sich die Dinge auf der Erde entwickelt haben. Bei diesen Christen war ihm von Anfang an klar, dass man die im Auge behalten muss, aber dass das Ganze so eskaliert, konnte nicht mal Gott ahnen. Dabei ist es gar nicht so schwer seinen Willen zu erfüllen, denn er hat nur eine einzige Regel, die es zu befolgen gilt: Seid lieb. Seit Moses in einem egozentrischen Schub daraus 10 Gebote gemacht hat, ist die klare Botschaft für die Menschen zwar nicht mehr so leicht ersichtlich, aber man könnte doch trotzdem erwarten, dass die meisten diese Botschaft rauslesen können. Aber nein. Stattdessen missbrauchen tausende verschiedene christliche Abspaltungen die Religion, um ihre eigenen Ansichten zum Teil mit Gewalt durchzusetzten. Dabei ist es Gott vollkommen egal, ob jemand an ihn glaubt oder nicht, welche Sexualität jemand hat oder was in der Bibel steht. Und die Jungs von Mohammed, mit dem er umgehend eine Telefonkonferenz hält, rasten ja auch gerade völlig aus. Wie soll er diesem Wahnsinn nur ein Ende bereiten?
Gezeichnet wird ein Bild von Gott und dem Himmel, das gerade in Amerika bei so manchem sicher die Ohren schlackern lassen würde. Dabei bekommen Gott und seine Entourage einfach nur ein bisschen gesunden Menschenverstand eingehaucht.
Die Message des Buches ist im Prinzip von Anfang an klar: Jeder kann so leben, wie er mag, solange er anderen Menschen damit nicht schadet. Kants Lehren also mit göttlicher Legitimation. Die Geschichte rechnet entsprechend mit allem ab, was nicht in dieses Konzept passt und gerade natürlich in Amerika, wo der größte Teil der Handlung spielt, gibt es da so einiges in großem Maßstab.
Jesus kommt also zurück auf die Erde. Ein musikalischer Kurt-Cobain-Verschnitt, der sich wie früher schon um die Aussätzigen und Weggestoßenen kümmert. Was im New York des 21. Jahrhunderts bedeutet, er hilft Drogenjunkies, Obdachlosen und Alkoholikern. Zusammen mit seinerm Band und ein paar hilfsbedürftigen Menschen von der Straße hat der charismatische JC - so nennt er sich mittlerweise - einen Familienverband, in der jeder jedem hilft. Doch sein Ziel, vielen Menschen Gottes Botschaft mitzuteilen, ist trotzdem in weiter Ferne. Bei der größten Castingshow versucht er sein Glück und erhält Einblick in ein knallhartes, korruptes Business, das von den Egos der Chefs geleitet wird und in dem jede Kreativität erstickt wird, die nicht genug Geld ranbringt.
Humorvoll, aber trotzdem mit einer latenten Melancholie behaftet schildert der Autor eine neue Leidensgeschichte von Jesus Christus. Auch wenn die Komikdichte sehr hoch ist, gibt es auch ernsthafte, reflektierende Passagen darüber, was alles so falsch läuft.
Ein bisschen Punktabzug gibt es aber doch. Für meinen Geschmack wird ein bisschen zu viel Gras geraucht. Pflanzliche Droge hin oder her, so eine vehemmente Verharmlosung wie in diesem Buch finde ich unnötig und übertrieben. Außerdem reicht es nicht zum absoluten Lieblingsbuch wegen dem doch sehr vulgären Schreibstil. Ich glaube nicht, dass ich jemals ein Buch gelesen habe, in dem so viel über Arschficks geredet wurde. Man muss aber natürlich sagen, dass die Geschichte insgesamt ein bisschen überspitzt geschrieben ist und diese ordinäre Sprache einen großen Teil dazu beiträgt. Ein schamlos fluchender Gott hat schon was.Aber trotzdem. Und was auch noch erwähnt werden sollte, ist, dass für musikalisch uninteressierte Menschen einige leicht pathetische Teile des Buches, in denen große Musiker und/oder detailiertes Spielen eines Instruments beschrieben werden, vielleicht ein wenig langweilig werden könnte. Mich persönlich hat es nicht gestört, aber ich lese auch gerne Sachen, von denen ich nichts verstehe ;)

Eine befreundete Theologiestudentin hat mir dieses Buch empfohlen und feiert es total. Das zeigt vielleicht, dass es auch für gläubige Menschen eine gute Lektüre ist - zumindest solange sie in der Lage sind, sich und vor allem den Glauben, kritisch zu betrachten.
Das Buch ist keine Hetze gegen das Christentum, gegen andere Religionen oder gegen Gott. Im Gegenteil. Es ist eine gesellschaftskritische Aufforderung, den wichtigsten Aspekt des Glaubes zu befolgen. Eben den Leitsatz: Seid lieb. Und zwar auch dann, wenn man nicht gläubig ist. Meiner Meinung nach ein großartiges Buch. 5 Wölkchen von mir.


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