18.01.2013

# Rezensionen

[Rezi] Charlotte Brontë - Jane Eyre

Erscheinungsjahr: 2011 (Erstausgabe 1847)
Originaltitel: Jane Eyre
Genre: Roman
Seitenzahl: 615

Teaser:
Er fand wohl, mehr brauche eine Gouvernante nicht für ihre Privatlektüre, und in der Tat war ich fürs erste äußerst zufrieden. Verglichen mit den spärlichen Krümeln, auf die ich in Lowood hie und da einen Blick hatte werfen können, versprach mir dies hier eine überreiche Ernte an Unterhaltung und Wissen.


Handlung
Eine harte und lieblose Kindheit liegt hinter der 18-jährigen Jane Eyre. Als Waisenmädchen kam sie schon mit gerade mal einem Jahr zu Verwandten, die sie nicht gerade gut behandelten. Zwar hatte ihr Onkel - der Bruder ihrer Mutter - sie pflichtschuldig und vor allem wohlwollend aufgenommen, doch verstarb er ziemlich schnell danach und hinterließ seinen Kindern und seiner Frau die kleine Jane, die von da an keinen einzigen Freund im Haus mehr hatte.
So bald wie möglich schickte ihre Tante Jane auf ein Internat für mittellose Mädchen, wo Jane unter harten Umständen Bildung und Erziehung erhält. Immer wissbegierig und gelehrig, wird sie schnell eine gute Schülerin; trotz ihrer sturen Wesensart. Deshalb bleibt sie auch nach ihrem Schulabschluss einige Zeit als Lehrerin dort. Doch irgendwann sehnt sie sich nach Veränderung und bewirbt sich um eine Stelle als Gouvernante bei der entlegenen Grafschaft Thornfield Hall. Sie soll das Mündel des Besitzers Edward Rochester unterrichten und erziehen. Mit der kleinen Adèle freundet sich Jane rasch an und auch die anderen Bewohner des großen Hauses werden ihr schnell zu einer Art Familie. Vor allem für Mr. Rochester schwärmt sie recht schnell und aufregend wird es, als sich herausstellt, dass auch er seinerseits in Jane verliebt ist. Doch ein skandalöses Familiengeheimnis verhindert die so herbeigesehnte Hochzeit.

Meine Meinung
Was habe ich mit Jane mitgelitten! Das arme kleine Mädchen hat nicht nur seine Eltern verloren, sondern wohnt jetzt auch noch bei Leuten, die ihr das Gefühl geben, ein ekliger Parasit zu sein - Verwandtschaft hin oder her. Ihre Cousinen schickanieren sie wo sie nur können - allen voran ihr Cousin - und werden dabei von Janes Tante unterstützt. Diese kann ihre Nichte überhaupt nicht leiden und verflucht ihren verstorbenen Mann dafür, das Kind ins Haus geholt zu haben.

Erst, als Jane aus dem Haus rauskommt und ihre Ausbildung auf Lowoode beginnen kann, bessern sich ihre Lebensumstände. Zwar sind die Verhältnisse dort ärmlich, aber Jane isst lieber angebrannten Haferschleim, als im Haus ihrer Tante zwar von wertvollen Dingen umgeben, aber nicht akzeptiert zu sein.
Es hat mir so viel Spaß gemacht, die Entwicklung von Jane zu begleiten - wie sie an allen Widrgkeiten wächst und das bestmögliche aus ihrem Leben macht. Sie hat ein natürlich veranlagtes Problem mit Autoritätspersonen. Das bedeutet nicht, dass sie sich nicht unterordnen kann, sondern, dass sie ihren eigenen Kopf hat und diesen auch gegen ihr überlegene Personen durchsetzten will. Als Kind gelingt ihr das noch nicht so gut, aber mit der Zeit lernt sie, wie man mit den Menschen umgehen muss und was sie sich herausnehmen kann und was nicht. So wirkt sie nach Außen hin eher still und fügsam, was wohl auch an ihrer eher schwächlichen Konstitution liegt, aber in ihrem Inneren brodelt ein Vulkan. Und wenn etwas von ihr verlangt wird, was nicht ihren Prinzipien entspricht, bricht dieser auch mal ganz schnell und heftig aus.
Das lernt mit der Zeit auch Mr. Rochester, in den sich unsere mittlerweile 18-jährige Jane, die in Lowood den herrschsüchtigen Leiter, eine Tuberkulose-Epidemie und vor allem das teilweise ungenießbare Essen überstanden hat, mit ganzem Herzen verliebt. Er empfindet Janes spitze Bemerkungen aber nicht als anstößig, sondern hat im Gegenteil Gefallen daran. Und überhaupt scheinen sich die beiden perfekt zu ergänzen, trotz eines Altersunterschiedes von 20 Jahren.

Aber bei aller Liebelei lässt sich Jane von Mr. Rochester nicht um den Finger wickeln. Um es auf den Punkt zu bringen: die ist jung und naiv und absolut romatisch veranlagt und trotzdem kann Mr. Rochester nicht über sie bestimmen wie er möchte. Ist das nicht genial?! Wann liest man bitte sowas mal in der Literatur des 19. Jahrhunderts? Und wenn ich an "Twilight denke, muss die Frage eher lauten: Wann liest man sowas schonmal überhaupt in einem Roman mit ähnlichem Plot?

Ich bin so begeistert. Und Jane quält sich so, weil sie natürlich viel lieber den "Bella"-Weg gehen würde und sich komplett an Mr. Rochester verlieren möchte. Aber ihre Selbstachtung kann sie dafür nicht opfern, sodass sich ihr Angebeteter damit abzufinden hat. Und das kann er auch. Was trotzdem nicht zur Hochzeit führt, weil sich da ein kleines familiäres Problem entwickelt.

Die Sprache im Roman ist sehr ...blumig nenne ich es jetzt einfach mal. Also verspielt und verschörkelt und sehr bildlich und kunstvoll und dabei trotzdem verständlich und einfach wunderschön. Wirklich selten bin ich von einem Schreibstil so begeistert. Die 600 Seiten gingen weg wie nix und ich habe jede Minute, in der ich in das England des 19. Jahrhunderts gebeamt wurde genossen.

Alles ist so eindrücklich geschildert, es wird so eine dichte Atmosphäre aufgebaut und Jane ist so eine charakterstarke Hauptfigur, dass ich diesem Buch nur 5 rosa Wölkchen mit Sternchen geben kann *schwärm*
Interessant in meiner Ausgabe waren übrigens nicht nur die Anmerkungen zu den gefühlt 5.000 Bibelzitaten, mit denen oft gearbeitet wird, sondern auch das aufschlussreiche Nachwort, in der man etwas über die Biografie der Autorin und die im Roman verarbeiteten Stoffe nachlesen kann. Auch wird nochmal einiges was Charlotte Brontë so verarbeitet hat, kritisch betrachtet, was bei so viel Lob durchaus angemessen ist. Zum Beispiel die Darstellung der Menschen aus den indischen Kolonien, die das komplette Gegenteil zur höflichen und anständigen englischen Bevölkerung sind und als wilde Tiere keinen Raum für menschliche Regungen eingeräumt bekommen. Das ins Bewusstsein der Rezipienten zu rufen, fand ich sehr gut, und ich muss ehrlicherweise zugeben, dass das bei mir angesichts Janes toller Lebens- und Liebesgeschichte totalin den Hintergrund gerutscht ist. 
Die Bewertung bleibt aber trotzdem unangefochten ;)

Kommentare:

  1. Meine Güte, ist das ein tolles Cover. Ich war schon ganz begeistert von dem neuen Sturmhöhe-Cover, aber das hier ist natürlich auch superhübsch!

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  2. Ich hatte das Buch vor ein paar Monaten gelesen und lese immer wieder in das Buch hinein, weil ich die Geschichte toll finde. Besonders weil Jane nicht willenlos wie Bella ist. Sie ist eine starke Frau und das sollte sie zu einem Vorbild von dieser Generation machen. Stattdessen aber sind es berühmte Leute, die nicht viel können ;-)
    Es gehört zu meinen Lieblingsbüchern :-)

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  3. Ui, das Cover ist ja wirklich mal toll. Sehr schön. Ich mochte Jane Eyre beim Lesen auch echt gerne und muss nun noch unbedingt die Bücher der anderen Schwestern lesen. Du hast Recht, so starke Frauenromane sind in der Zeit tatsächlich selten, da sticht Jane Eyre sehr hervor.

    Es macht die Arbeit tatsächlich nicht weniger, nur leider hatte ich unter der Woche wirklich gar keine Zeit, ständig war irgendwas. Schon doof. Und dementsprechend habe ich nun eher keine Lust was zu machen, sondern eher rumzugammeln. Innerer Schweinehund und so. ;D

    Ich bin auch ein ohrenempfindlicher Mensch, wobei ich mittlerweile Mützen für mich entdeckt habe. (Hat auch lange genug gedauert.)
    Komischerweise war ich wirklich noch nie mit Schnee am Strand, obwohl ich ja beinahe daneben wohne (also meine Eltern). Schon im Winter, aber eben nie als Schnee lag. Ich möchte es einfach nur mal gerne sehen. :)

    Ja, das Nachwort von der "Totenbraut" hat mir auch richtig gut gefallen! Das war echt super. Definitiv ein gutes Buch und der Überraschungseffekt war ja wirklich angenehm.

    Danke dir, ich hoffe, du bekommst auch alles, was bei dir am WE ansteht, gut abgearbeitet!

    Viele Grüße
    Miyann

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  4. Das Buch lese ich auch gerade, muss mich ja auch mal an die Klassiker wagen, aber ich lese es lieber nur, wenn ich viiieel Zeit habe, weil ich es nicht ertragen kann, aufzuhören, bevor Jane und Mr Rochester ENDLICH zusammen sind ^^
    Man fiebert wirklich total mit ihr mit.

    Übrigens finde ich, dass Jane eine sehr interessante Persönlichkeit ist. Wann begegnet man schließlich einer Romanfigur, die lieber nicht mit dem Mann ihres Herzens zusammen ist, weil ihre Selbstachtung ihr wichtiger ist und sie nicht von seinem Geld leben will?
    Ein bisschen eingebildet wirkt sie aber auch manchmal, finde ich ;-)

    Naja, ich bin auf jeden Fall mal gespannt auf das Ende und habe mir auch neulich die DVD zugelegt.
    Kennst Du auch eine Verfilmung?


    Liebe Grüße =)
    Charlie

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  5. Jane Eyre gehört ja irgendwie auch zu den gemeinhin gehandelten "Büchern, die man gelesen haben sollte", aber gerade an diese ganz klassischen Klassiker (+g+) wage ich mich meistens gar nicht ran. Deine Rezension allerdings stimmt mich ja guter Dinge, dass mir dieses Buch doch gefallen könnte. Vielleicht nehme ich es mir dieses Jahr mal vor :)

    Liebe Grüße
    Ivy

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  6. Hi,
    ich war von der Geschichte der Gouvernante Jane Eyre auch wirklich begeistert. Deutlich düsterer und melancholischer als die Werke von Jane Austen, aber nicht weniger lesenswert.

    Liebe Grüße,
    Patricia

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  7. Jetzt muss ich mal voll den Buchbauchplatscher hier reingrätschen: Ich bin vom Cover eher .... najaaaa, verstimmt ;) Völlig überromantisiert. Das war/ist eine "Gothic novel" --- aber in den Filmversionen wirds ja auch eher mal verkitscht - dislike. Soooo nun genug geunkt. Als fleißige Anglistin habe ich das Buch natüüürlich auch gelesen, natüüüürlich auf Englisch. mich hat immer am meisten Berta, "the madwoman in the attic", begeistert.

    Habe da noch 2 heiße Lesetipps für dich: Was sehrsehr lustiges, nämlich "The Eyre Affair" von Jasper Fforde (in dem eine "Dedektivin" in den Roman schlüpft und durch ihr Tollpatsch-Verhalten das bewirkt, was wir als die tatsächliche Handlung kennen. Hach, unbeschreiblich und wirklich auch unbeschreiblich komisch. Auf Deutsch, glaub ich, "Die Akte Jane Eyre". Und fürs Weiterstudieren: "Wide Sargosso Sea" von Jean Rhys, das quasi die Vorgeschichte von besagter Berta erzählt und ziemlich heftig ist.

    So long.
    Buchbegeisterte Grüße
    das A&O

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