20.12.2012

# Rezensionen

[Rezi] Ian McEwan - Solar

Erscheinungsjahr: 2010
Originaltitel: Solar
Genre: Erzählung
Seitenzahl: 401


Teaser:
Patrice war mit abstand die schönste aller seiner ehefrauen, besser gesagt, sie war mit ihrem markanten Gesicht und ihrem blonden Haar, wie ihm jetzt schien, die einzige schöne Frau, die er je gehabt hatte.



Handlung
Nobelpreisträger, etablierter Wissenschaftler, in fünfter Ehe verheiratet. Michael Beard hat in gewisser Hinsicht einiges erreicht. Doch momentan ist er an einem Punkt angelangt, an dem nichts mehr richtig voranzukommen, ja eher noch, alles zusammenzubrechen scheint. Als Wissenschaftler tritt er auf der Stelle und schlachtet nur seine alten Forschungen aus, und seine Ehe ist, nachdem er während dieser insgesamt 11 Affären hatte, am Ende. Wirklich wichtig ist Beard schon lange nichts mehr, es geht ihm eigentlich nur darum, nach außen hin sein Gesicht zu wahren und nach Innen hin seinen Gelüsten - Essen und Frauen - nachzugeben so viel er will. Als Patrice, seine Noch-Ehefrau, ihn verlassen will, fällt er kurz aus seiner Lethargie heraus, um in noch tieferes Selbstmitleid zu versinken. Da eröffnet ihm der Zufall eine Chance, seine eingefahrene Karriere zu pushen - allerdings auf moralisch bedenklichem Weg.

Meine Meinung
McEwan hat ein beeindruckendes Auge fürs alltägliche Detail und die Fähigkeit, dieses auch schriftlich punktgenau darzustellen. Deshalb bin ich bei diesem Buch ziemlich zwiegespalten. Die Lektüre hat mich nämlich einiges an Überwindung gekostet, obwohl mich der Schreibstil absolut anspricht.
Die Hauptfigur ist ein älterer, dickerer Physiker, der - warum auch immer die Frauen da mitmachen - fröhlich in der Gegend rumvögelt und mittlerweile insgesamt fünf Ehen mehr oder weniger hinter sich hat. Total unsympathisch konzipiert, freut man sich als Leser immer, wenn Beard eins ausgewischt wird. Er ist nur auf sich selbst fixiert, opportuistisch und ignorant. Also insgesamt einfach furchtbar. Aber so scheint es nur in seinem Inneren - in das der Leser gnadenlose offene Einsicht hat - auszusehen, denn nach Außen für die anderen Charaktere des Buches wirkt er charmant, eloquent und wohl irgendwie erhaben. Allerdings bereitet es ihm auch enorme Anstrengung, diese Fassade aufrecht zu erhalten. Wo er doch viel lieber ein Steak essen würde.
Abgesehen von dieser Nicht-Identifikationsfigur gab es noch ein großes Problem für mich mit der Geschichte. Beard ist Physiker. Und deshalb gibt es (für mich) deutlich zu viel physikalisches Wissen in dem Buch. Diese ganzen theoretischen, und bestimmt gut recherchierten, Passagen habe ich auch einfach nur quergelesen, um mir die Frustration bei Unverständnis zu ersparen.
Also. Genialer, wirklich wirklich genialer Schreibstil versus langatmiger Story. Was tun?
Sich fragen, ob das Buch überhaupt dazu konzipiert ist, im klassischen Sinne gemocht zu werden. Ich denke, eher nicht. Es soll provozieren, schonungslos darstellen und eben abrechnen. Das tut es auch.
Trotzdem kann ich vom Unterhaltungswert gesehen nicht mehr als 2 banausige Wölkchen vergeben. Aber: es ist trotzdem ein lesenswertes Buch, wenn man grade eine geistig anspruchsvolle Musestunde hat.


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