31.12.2012

[Rezi] Bram Stoker - Dracula

Erscheinungsjahr: 2004 (Original 1897)
Originaltitel: Dracula
Genre: Klassiker
Seitenzahl: 538

Teaser:
Daraufhin erklärte er mir, es sei allgemeiner Glaube, daß in einer bestimmten Nacht des Jahres - und zwar tatsächlich in der vergangenen Nacht, als es allen bösen Geistern gestattet war, sich frei in der Welt zu bewegen - über einem jeden Platz eine kleine blaue Flamme zu sehen sei, an dem Schätze vergraben liegen.



Handlung
Der Notarsgehilfe Jonathan Harker reist im Auftrag seines Vorgesetzten von Großbritannien nach Transylvanien, um mit dem Grafen Dracula einige Immobilengeschäfte abzuwickeln. Schon auf der Hinreise irritiert ihn das Verhalten der Einheimischen, die total verängstigt sind und ihn ohne Begründung vom Schloss des Grafen vernhalten wollen. Eine alte Frau schenkt ihm ein silbernes Kreuz, das er zu seinem Schutz immer bei sich tragen soll.
Im Schloss wird er vom Grafen freundlich aber distanziert begrüßt und in einem Teil des Schlosses einquartiert. Mit der Zeit bekommt Harker es allerdings auch mit der Angst zu tun - nicht nur, dass Graf Dracula niemals etwas isst, kein Spiegelbild und keinen Schatten hat, er kann auch blanke Wände herunter klettern und hat die Befehlsgewalt über 3 Un-tote Frauen, die in einem anderen Teil des Schlosses sind.
Obwohl er die wahre Identität Draculas ahnt, wird er von diesem freigelassen, nachdem er es ihm ermöglicht hat, mehrere alte Häuser in London zu erstehen. Bald darauf ereilt die beste Freundin von Harkers Verlobter Mina eine schlimme Krankheit. Sie wird blass, schläft viel und hat zwei kleine runde Wunden an ihrer Kehle. Weiß der aus Holland angereiste Dr. Van Helsing Rat?

Meine Meinung
Vampirgeschichten erleben ja zur Zeit einen riesigen Hype. Was liegt da näher, als sich mal den ursprünglichsten aller Vampir-Romane, dessen Inhalt zum Teil vielen bekannt sein wird, vorzunehmen? Besonders interessant dabei sind nicht nur die Parallelen bei der Darstellung dieser Wesen, sondern auch die Unterschiede in Attributzuschreibungen und vor allem Wahrnehmung bei den übrigen Romanfiguren. Während heute Vampire ja eher positiv besetzte Geschöpfe sind, ist Graf Dracula mit seiner Entourage das Böse schlechthin, das mit allen Mitteln und unter Aufbietung aller Kräfte bekämpft werden muss.
Dracula plant nämlich sozusagen eine Expandierung: er kauft sich alte Häuser in London, um mehr Auswahl bei seinen Mahlzeiten zu haben. In Transylvanien hat er schon so viel Schrecken verbreitet, dass die meisten Menschen dort Gegenmaßnahmen ergriffen haben - Knoblauch, Kreuzanhänger und dergleichen - was ihm die Jagd in dem sowieso schon bevölkerungsschwachen Land erschwert.
Harker erlebt also die schlimmste Zeit seines Lebens auf dem Schloss des Grafen, nicht wissend, ob er jemals lebend wieder herauskommt. Sicher zu Hause verdrängt er dann die Ereignisse auch weitgehend und vertraut sein Tagebuch, das er während seiner Abwesenheit geführt hat und in dem seine Erlebnisse detailliert aufgezeichnet sind, seiner Verlobten Mina an.
Aus diesen Aufzeichnungen besteht das gesamte Buch. Die Protagonisten, die nach und nach eingeführt werden, halten ihre Tage in Form von Briefen, Journaleinträgen und Telegrammen fest, sodass der Leser immer über die Geschehnisse informiert ist und diese sogar aus mehreren verschiedenen Blickwinkeln erzählt bekommt. Zusätzlich sind manchmal noch kleinere Zeitungsartikel den Tagebüchern beigefügt, was, wenn diese vom Stil her tatsächlich Zeitungsartikeln aus der damaligen Zeit ähneln, einen aufschlussreichen Blick auf die Anfänge des Nachrichtenjournalismus zulässt.
Die Sprache ist, wie man am Teaser oben vielleicht schon erkennt, ein wenig komplex. Lange Satzkonstruktionen und eine etwas altertümliche Sprache erfordern erstmal, dass man sich in das Buch einliest. Ist das aber geschafft, lässt sich die Geschichte ziemlich flüssig lesen - von einigen etwas langatmigen Beschreibungen mal abgesehen.
Was mich schwer gestört hat, war die Position, die die Frauen in diesem Roman innehaben. Also klar, er wurde 1897 geschrieben, aber aus heutiger Sicht liest sich das einfach ganz furchtbar. Mina ist erstens die einzige weibliche Person, der überhaupt eine größere Rolle zuteil wird, und dann wird sie auch noch ständig als armes, wehrloses Geschöpf dargestellt, das aber mit seiner Anmut und Güte die Herzen eines jeden mit Freude erfüllt und deshalb von allen Männern beschützt werden muss. Sie ist mit ihren Schlussfolgerungen und ihrem Kombinationstalent zwar tragend für das Vorankommen der Handlung (was wahrscheinlich für damalige Verhältnisse schon unglaublich emanzipiert war), aber steht immer hinter den starken Männern zurück. Das war wirklich ein bisschen anstrengend zu lesen.
Alles in allem war die Lektüre aber auf jeden Fall ein Genuss. Der Spannungsbogen wird Schritt für Schritt immer weiter aufgebaut und entlädt sich dann in einem fast schon modernen Showdown. Wer sich also für Vampirgeschichten begeistern kann, die auch mal ohne Kitsch und Identitätskrisen auskommt, ist mit diesem Buch bestens versorgt. 3 Wölkchen von mir.


1 Kommentar:

  1. 'Dracula' habe ich vor einer Weile im englischen Original gelesen und mir hat der Schreibstil in Form von Tagebucheinträgen, Telegrammen und ähnlichem sehr gut gefallen. Allgemein fand ich diesen Urtyp der Vampirgeschichten sehr interessant.
    Die Frauendarstellung hat mich dabei eigentlich nicht gestört und ich musste gerade bei deiner Beschreibung Minas doch etwas schmunzeln, da sie mich doch etwas an Stephenie Meyers Bella erinnert. :) Auch die wird als arm und wehrlos dargestellt, weshalb sie von allen (vorne dabei natürlich Edward und Jacob) beschützt wird. Zudem gelingt es ihr meist, entscheidende Schlussfolgerungen zu ziehen.

    AntwortenLöschen