27.07.2012

[Rezi] Victor Hugo - Der Glöckner von Notre Dame

Erscheinungsjahr: 2009 (Original 1831)
Originaltitel: Notre Dame de Paris
Genre: Historischer Roman/Klassiker
Seitenzahl: 593


Teaser:
"Die Esmeralda ist auf dem Platz!" Dieses Wort wirkte wie eine Zauberformel. Alles, was im Saale zurückgeblieben war, stürzte an die Fenster, stieg auf die Mauern, um hinauszusehen, und wiederholte: "Die Esmeralda" Die Esmeralda!"




Handlung
Paris im Jahr 1482. Anlässlich des Drei-Könige-Festes soll im Judtizpalast ein Theaterstück aufgeführt werden, welches von dem Dichter Pierre Gringoire geschrieben wurde. Doch statt der gewünschten Anerkennung für seine Leistung, wird das Schauspiel mehr oder weniger ignoriert. Auf den Tag der Heiligen Drei Könige fällt nämlich auch das Narrenfest, ein Tag, an dem sich die Einwohner Paris' ungestraft viele Verrücktheiten erlauben können. Angestachelt von dem Studenten Jehan wird der missgestaltete Glöckner der Kirche Notre Dame zum Narrenpapst gewählt und hochleben gelassen. Ein Fest wird gefeiert, bei dem die schöne Zigeunerin Esmeralda mit ihrer Ziege Djali die Menschenmenge unterhält und bezaubert. Ihr Tanzen lenkt allerdings auch die Blicke des Archidiakons der Notre Dame, Claude Frollo, und die des buckligen und tauben Quasimodo auf sich. Beide verlieben sich in das Mädchen.
Währenddessen irrt der enttäuschte Gringoire auf der Suche nach einem Schlafplatz durch Paris. Weil sein Stück nicht den gedachten Erfolg und damit nicht das nötige Geld gebracht hat, kann er nun seine Miete nicht bezahlen und wandert durch die Straßen. Als es schon Nacht geworden und das Fest lange vorbei ist, wird er Zeuge, wie zwei dunkle Gestalten Esmeralda überfallen und entführen wollen. Doch sie wird gerettet von Phöbus, dem Hauptmann der königlichen Garde, dem sie infolge dessen ihr Herz schenkt. Gringoire vergisst diesen Vorfall schnell wieder, denn er hat eigene Probleme: in der Cour des Miracles, dem Zufluchtsort für alle möglichen zwielichten Gestalten, wird er von Gaunern gefangen genommen und soll gehängt werden. Gerettet werden kann er nur, wenn sich eine Frau aus der Cour des Miracles dazu bereit erklärt, ihn zu heiraten. Esmeralda, die inzwischen zu Hause angekommen ist, hat Mitleid mit dem Dichter und stimmt einer Hochzeit zu.

Meine Meinung
Die etwas verzwickte Liebesgeschichte bildet den Kern des Romans. Frodo, Quasimodo, Phöbus und Gringoire lieben Esmeralda. Diese liebt Phöbus, der allerdings mit Fleur-de-Lys verlobt ist und deshalb (und natürlich ihres Standes wegen) nicht offiziell mit Esmeralda zusammen sein kann - und es genaugenommen auch nicht will. Quasimodo verlangt keine Gegenliebe; er ist es gewohnt, mit Abscheu behandelt zu werden und gibt sich damit zufrieden, dass Esmeralda ihn nicht mit Hass begegnet. Gringoire ist so in seiner eigenen kleinen Welt, dass es ihn nicht weiter kümmert, wer wen wie liebt und steckt Esmeraldas Korb deswegen sehr gut weg. Einzig Frollo, der Archidiakon, der sein Leben der Kirche und verschrieben hat und deshalb eigentlich völlig abstinent lebt, wird regelrecht besessen von seiner Liebe zu der Zigeunerin. Sie beherrscht sein Denken, seine Handlungen und macht ihn innerlich mürbe, sodass er sich immer weiter hineinreitet ins Unglück und die anderen mit sich reißt.
Frollo labert zwar die ganze Zeit von Liebe, aber eigentlich will er Esmeralda nur ins Bett kriegen. Genau wie Phöbus. Tatsächlich ist das in meiner kleinen, von Disneyfilmen geprägten Welt keine Liebe. Dass es die ganze Zeit damit gleichgesetzt wird, fand ich etwas nervig. Aber trotzdem fand ich es total interessant, diese Geschichte, die ja schon so oft verfilmt und neu interpretiert wurde, in der Originalfassung zu lesen. Hugo hat die Handlung ins 15. Jahrhundert verortet, als die Gesellschaft gerade im Umbruch war und der Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit begonnen hatte. Im Nachwort - eins der wenigen, die ich aufmerksam gelesen habe - wird beschrieben, wie genau Hugo recherchierte, um die Umgebung und die Bevölkerung möglichst realistisch zu beschreiben. Bei den äußeren Umständen ist ihm das ganz sicher auch gelunngen: das Rechtssystem, die Aufstände, die Pest und ihre Folgen, alles versetzt den Leser zurück in eine aus heutiger Sicht teilweise unverständliche Welt. Besondere Aufmerksamkeit widmete der Autor der Architektur. Extrem detailreiche Beschreibungen der Gebäude, zum Beispiel natürlich der Notre Dame, füllen ganze Kapitel und unterbrechen die Handulng sehr lange. Das war ziemlich anstrengend zu lesen und irgendwann hatte ich auch kein Fassungsvermögen mehr im Kopf, um mir die Beschreibung einer weiteren Säule über mehrere Seiten anzutun. Also habe ich diese Stellen nur quergelesen, was aber nicht schlimm ist, weil sie wie gesagt mit der eigentlichen Geschichte nichts zu tun haben.
Was Hugo bei den Rahmenhandlungen gelingt, klappt bei der Darstellung der einzelnen Charaktere nicht wirklich. Esmeralda und Fleur de Lys zum Beispiel als die Prototypen der Gegenspielerinnen um die Zuneigung Phöbus sind extrem schwarz-weiß dargestellt. Esmeralda ist meiner Meinung nach sowieso viel zu naiv und unschuldig für ein Mädchen, das immerhin unter Gesetzlosen aufgewachsen ist. Da kann man ein bisschen gesunden Menschenverstand schon erwarten. Auch die vielen vor Kitsch nur so triefenden Szenen hätte Hugo sich schenken können.
In den Schreibstil muss man sich ein bisschen reinlesen, aber er ist nicht wirklich schwer zu verstehen. Durch die Satzverschachtelungen blickt man schnell und die Tatsache, dass Hugo nach einer verschnörkelten Beschreibung meistens den Kern seiner Aussage noch einmal zusammenfasst, tragen zum leichten Verständnis bei. Mir hat das Buch insgesamt gut gefallen und es bekommt 4 Wölkchen von mir :)



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