26.06.2012

# Rezensionen

[Rezi] Wolfgang Hohlbein - Hagen von Tronje

Erscheinungsjahr: 2004
Genre: Fantasy
Seitenzahl: 512


Teaser:
Der Mann unterschied sich äußerlich kaum von seinen Begleitern. Seine Kleidung war einfach wie die ihre und ebenso abgerissen, seine Waffen zerschrammt und blind vom Schmutz, der im Laufe vieler Wochen darauf eingetrocknet war, und auch in Wuchs und Statur kamen ihm die meisten seiner Begleiter gleich oder übertrafen ihn sogar.



Handlung
Die Geschichte des Nibelungenlieds aus der Sicht des Anti-Helden Hagen von Tronje. Das ist grob gesagt die Handlung in diesem Buch. Hagen ist der Waffenmeister des Königs von Burgund - Gunther. Sein Schwert ist genauso gefürchtet wie sein scharfer Verstand und er genießt hohes Ansehen. Seine Beziehung zum König und dessen Familie, also Mutter und Geschwister, ist mehr als nur freundschafltich. Er ist ein Teil der Familie und auf seinen Rat wird in fast jeder Situation gehört.
Da taucht Siegfried auf. Der strahlende Held mit den übermenschlichen Kräften ist aus dem Nibelungenland gekommen, um Burgund gewaltsam an sich zu reißen. Da er und seine Nibelungenkrieger im Kampf unschlagbar sind, müssen Gunther und Hagen eine Schlacht unbedingt abwenden und bringen ihn mit diplomatischem Geschick dazu, als Gast in den Königshof einzukehren. Über ein Jahr lang lebt er am Hof, führt das Heer der Burgunden erfolgreich durch den Krieg mit Dänemark und Sachsen und verliebt sich schließlich in Kriemhild, Gunthers Schwester. Auch diese ist dem starken und gutaussehenden Mann nicht abgeneigt und so hält Siegfried um ihre Hand an. Doch durch die Hochzeit würde das Königreich der Burgunden eher früher als später doch unter Siegfrieds Herrschaft fallen und das muss Hagen mit allen Mitteln zu verhindern versuchen.

Meine Meinung
Vielen wird die Geschichte des Nibelungenlieds geläufig sein, ist es doch eine der ältesten germanischen Sagen. In diesem Buch bereitet Hohlbein die Story ganz neu auf und stellt sie mal von der anderen Seite dar. Während im Original Siegfried die Rolle des strahlenden Helden zugeschrieben wird und Hagen ein hinterlistiger, egomanischer Mörder ist (ich persönlich kann Siegfried aber schon im Original nichts abgewinnen und bin auf der Pro-Hagen-Seite), dekonstruiert Hohlbein dieses Bild und schafft damit eine völlig neue Perspektive aus der man auf die Handlung blicken kann.
Siegfried kommt zwar als starker Held daher, wird aber nicht durchweg positiv dargestellt. Zum Glück aber auch nicht komplett negativ, sodass keine schwarz-weiß-Malerei entsteht. Hohlbein schafft hier einen perfekten Spagat zwischen dem unbeschreiblich großen Ego eines angeblich unbesiegbaren Hühnen und dessen unvergessenen, großartigen Leistungen. Allerdings ist unverkennbar, dass die Sympathien  auf Hagens Seite liegen, der als Gegenspieler von Siegfried auftritt und dessen Handlungsmotive ebenso durchleuchtet werden, wie seine Position am Hof.
Super fand ich auf jeden Fall die extreme Nähe zum Original, denn bis auf den Schluss kann man das meiste auf die eine oder andere Art im Nibelungenlied des 13. Jahrhunderts finden. Auch die Einbettung in den geschichtlichen Kontext fand ich sehr gelungen. Denn nicht nur Siegfried stellt eine Bedrohung für Hagens Welt dar, sondern auch die sich ausbreitende Christianisierung und den Untergang des römischen Reichs.
Was sich jetzt vielleicht als verstaubten und öden Geschichtsexkurs anhört, ist ganz und gar nicht langweilig geschrieben. Man wird mit diesen Informationen nämlich einfach gefüttert, während man eine Geschichte liest, die fast wie ein fetziger Krimi geschrieben ist und eine Spannungskurve nach der nächsten aufweist.
Schade ist nur, dass das Buch mit dem ersten Teil des Nibelungenlieds aufhört. Mich hätte sehr interessiert, wie Hohlbein den einen oder anderen Konflikt, der sich durch seine spezielle Interpretation ergibt, im zweiten Teil gelöst hätte. Aber trotzdem bekommt das Buch 5 rosa Wölkchen von mir!


1 Kommentar:

  1. Wolfgang Hohlbein ist zurecht einer der erfolgreichsten Autoren in Deutschland denke ich.

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