12.06.2012

[Rezi] Sabine Thiesler - Der Kindersammler

Erscheinungsjahr: 2006
Genre: Krimi/Thriller
Seitenzahl: 526


Teaser:
Der Mann war irre nett, davon war Benjamin überzeugt. Obwohl er es ein bisschen gruselig fand, dass er eine Pistole dabei hatte. Aber eine Sekunde später dacht er, dass das auch wieder toll war. Wie in Amerika. Wie im Wilden Westen. Keiner konnte einem etwas tun. Man konnte sich jederzeit verteidigen. Oder einen anderen retten. So wie er ihn gerettet hatte.



Handlung
Die Geschichte beginnt in Berlin. Dort schwänzt der kleine Benjamin die Schule und wird von Alfred aufgelesen. Alfred erscheint ihm wie ein rettender Engel, denn er vertreibt zwei ältere Jungs, die Benjamins Taschengeld klauen wollten. Deshalb fasst der Junge auch sofort Vertrauen zu dem älteren Mann und geht bereitwillig mit ihm mit, als dieser ihn einlädt, seine Meerschweinchen zu füttern. Doch damit trifft Benjamin die schlimmste und letzte Entscheidung seines Lebens. Nach zwei Tagen findet die Polizei seine übel zugerichtete Leiche, der neben seinen schweren Verletzungen der obere rechte Eckzahn fehlt, in einer Laube. Alfred flüchtet nach diesem Mord, wie er es schon nach seinen früheren Verbrechen getan hat und richtet sich in einer anderen Ecke Deutschlands ein.
Dort findet die Polizei drei Jahre später die Leiche eines weiteren Jungen. Auch dieser fehlt der obere rechte Eckzahn, sodass eine Sonderkommission eingerichtet wird. Leider bleiben die Ermittlungen erfolglos und als keine weiteren Kinder ermordet werden, wir der Fall zu den Akten gelegt.
Nach diesem ersten Teil beginnt die eigentlich Hauptgeschichte: Anne Glombek zieht es in die Toscana. Zurück an den Ort, an dem die vor 10 Jahren im Sommerurlaub ihren Sohn verloren hat, von dem seit diesem Tag jede Spur fehlt. Sie kauft sich ein Haus und hofft, dort endlich zur Ruhe zu kommen.

Meine Meinung
Die Einordnung in ein bestimmtes Genre ist mir bei diesem Buch nicht leicht gefallen. Ein typischer Thriller ist es nicht, denn dazu fehlen die immer wieder ansteigenden Spannungskurven. Ein Krimi ist es aber auch nicht so richtig, weil man die ganze Zeit weiß, dass Alfred der Täter ist und auch die Ermittlungsarbeiten eine geringe Rolle spielen. Auf dem Cover steht Roman, aber das ist mir auch nicht präzise geung. Denn die Geschichte hat von allem etwas.
Im ersten Teil erfährt der Leser viel über die Hauptperson Alfred. Er, der Kinderschänder, wird unverblümt vorgestellt, seine kranken Phantasien und Gedanken aufbereitet und man bekommt erst einmal einen Einblick in seine Psyche. Mögliche Erklärungen, warum er sich zu dem entwickelt hat, was er ist. Seine schwere, lieblose Kindeheit. Wie er in der Schule gemobbt wurde. Das Aufwachsen ohne Vater oder irgendeine Art von Bezugsperson. Der kleine, verletzliche Alfred wird im krasen Kontrast zu seinem jetztigen Ich dargestellt. Fast bekommt man ein wenig Mitleid mit ihm, vor allem, weil es am Anfang der Geschichte noch so aussieht, als würde er versuchen, seine gestörten Gelüste in den Griff zu bekommen. Trotzdem ist das alles nichts für schwache Nerven und eher zart besaitete Leser, denn gerade dieser erste Teil ist geprägt von ziemlich viel Ekel und Schrecken. Ziemlich schnell hat sich Alfred dann sein Opfer Benjamin ausgesucht. Hier sind große Teile aus der Sicht des Kindes geschrieben, was nicht einfach zu verdauen ist.
Der zweite Teil spielt ein paar Jahre später - im ersten Teil sind wir ungefähr im Jahr 1986, jetzt im Jahr 2004. Vor 10 Jahren ist Annes Sohn Felix beim Sommerurlaub spurlos verschwunden und sie hat diesen Verlust noch nicht verarbeiten können. Deshalb kauft sie von dem eigenbrötlerischen Enrico eine von ihm restaurierte Mühle in der Toscana; ganz in der Nähe des Ortes, an dem sie Felix zum letzten Mal gesehen hat. Dort möchte sie versuchen, irgendwie zur Ruhe zu kommen und stellt noch einmal Nachforschungen an. Auch wenn die Chancen nach 10 Jahren gering sind, hat sie immernoch Hoffnung herauszufinden, was mit ihrem Sohn geschehen ist. Auch hier fand ich den Schreibstil der Autorin wieder sehr einfühlsam; sie bringt Gefühle und Stimmungen sensibel auf den Punkt, sodass man sich richtig gut darauf einlassen kann. Was bei diesem Buch natürlich eher belastend ist, aber trotzdem für seine Qualität spricht. Hier hören auch die im ersten Teil dominierenden Zeit- und Personensprünge auf, sodass man der Handlung ein wenig leichter folgen kann.
Insgesamt ein lesenswertes Buch, das zwar eine bedrückende Thematik hat, über die man durch die sehr sparsam eingesetzten Spannungsszenen auch wirklich nachdenken muss, aber ein rundes Leseerlebnis bietet. 4 Wölkchen von mir.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen