12.11.2011

# Rezensionen

[Rezi] Melina Gerosa Bellows – Wunschgeflüster

Erscheinungsjahr: 2010
Originaltitel: Wish
Genre: Roman
Seitenzahl: 394



Teaser:
Wie aufs Stichwort schwingt die Küchentür auf und Bobby kommt herein. Obwohl ich ihn jeden Tag sehe, betrachte ich ihn heute mit den Augen eines Fremden. Ich winde mich beim Anblick seines Helms, des Flanellschlafanzugs (auf den er besteht) und seiner Brotdose mit Mork and Mindy.



Handlung
Die Hauptfigur dieses Romans ist Bella, die dem Leser die Geschichte ihres Lebens erzählt. Die Hauptrolle darin hat – neben ihr selbst – auch noch Bobby, ihr Zwillingsbruder.
Bobby ist Autist und seine Krankheit prägt natürlich Bellas Kindheit und ihr gesamtes weiteres Dasein. Zu jeder Etappe ihres Lebens gibt es eine kleine Story, die den Fortlauf ihrer Lebensumstände und vor allem auch Bellas persönliche charakterliche Entwicklung beschreibt. Begonnen wird mit einem Ausschnitt aus Bellas Alltag, wie sie ihn als 8-jähriges Mädchen erlebt hat. Schon hier zeichnet sich ab, was den Roman wie ein roter Faden durchzieht: Bella fühlt sich verantwortlich für ihren Bruder, der immer wieder schlimme Tobsuchtsanfälle bekommt und für längere Zeit ins Krankenhaus muss, während sie wie jedes andere Mädchen versucht, Spaß zu haben und ihre Eltern stolz zu machen. Von ihrem schlechten Gewissen ihrem Bruder gegenüber, der solch ein kompliziertes Leben führen muss, abgesehen, leidet sie auch unter der Tatsache, dass ihre Eltern kaum die Kraft dafür aufbringen können, Zeit mit ihrer Tochter zu verbringen. Denn natürlich bedeutet ein autistisches Kind sehr viel Arbeit und Bella bleibt oft auf der Strecke.

Meine Meinung
Was bei diesem Buch als erstes auffällt, ist die Gestaltung der einzelnen Kapitel. Am Anfang ist jeweils in Form eines kleinen Steckbriefs aufgelistet, in welchem Jahr der Lebensabschnitt spielt, wie alt Bella ist, was für Idole sie hat, und so weiter. Das fand ich schonmal einen originellen Beginn.
Und auch der Rest des Buches hat mich absolut überzeugt. Anfangs dachte ich zwar noch (und in gewisser Weise stimmt es natürlich auch), dass der Fokus extrem auf Bellas Männergeschichten liegt. Die Etappen ihres Lebens werden im Prinzip gleichgesetzt mit den Beziehungen, die sie hat oder sich wünscht. Aber gegen Ende des Buches wird deutlich, wie viel mehr dahinter steckt, wenn man als Leser ein bisschen tiefer unter die Oberfläche schaut.
Bellas Bruder ist Autist und dementsprechend hat Bella nicht gerade das, was man eine sorglose Kindheit nennt. Sie fühlt sich nicht nur hilflos Bobbys Krankheit gegenüber, dessen Krankheit in ihrer beider Kindheit – in den 70er Jahren – noch relativ unerforscht ist und es deshalb nur wenige Formen der Erleichterung für Erkrankte und Angehörige seitens der Medizin gibt. Nein, sie hat außerdem das Gefühl, als Ausgleich zu dem „Problemkind“ der Familie immer die perfekte Vorzeigetochter zu sein. Und je mehr sie sich nach ein bisschen Anerkennung von ihren Eltern sehnt, desto größer ist ihre Enttäuschung, wenn sie mal wieder ignoriert wird. Ihre Eltern lieben sie zwar, können es ihr aber nicht zeigen, weil ihre gesamtes Gefühlsleben für Bobby aufgebraucht wird. So wächst Bella mit dem Gefühl auf, dass niemand sie unterstützt und ihr bei ihren Problemen hilft. So muss sie sich um alles selbst kümmern, ohne den Rückhalt ihrer Eltern. Deshalb fängt sie schon als kleines Mädchen damit an, bei jeder Gelegenheit Wünsche in die Welt zu senden – ob es sich um glatte Haare handelt oder um das perfekte Brautkleid und später um den perfekten Ehemann. Da ihr sonst ja niemand zuhört, bleibt ihr nur diese eine Möglichkeit. Und deshalb muss sie unbedingt heiraten; weil sie denkt, dass ihre gläubig katholischen Eltern endlich dann zufrieden mit ihr sind. Also ist ihr Hauptanliegen tatsächlich der, schnellstmöglich einen Mann zu bekommen. Was anfangs wie gesagt vielleicht etwas monoton ist, entwickelt sich aber ziemlich schnell zu einer anspruchsvollen Psychoanalyse. Mit jeder gescheiterten Beziehung – und davon gibt es so einige - findet Bella Schritt für Schritt zu sich selbst und erkennt langsam, warum sie so unzufrieden mit sich und ihrem Leben ist, und dass ein Mann daran nichts ändern wird. Dabei geht die Autorin meiner Meinung nach mit viel Feingefühl vor, schreibt im wahrsten Sinne des Wortes herzbewegend, gerade wenn es um Bobby geht, an den zu jeder Zeit in ihrem Leben Bellas meiste Gedanken und Wünsche gehen. Die Romanzen und Beziehungen werden ganz ohne Kitsch geschildert, auch wenn oft Romantik im Spiel ist und die Gefahr dann auch immer groß ist, dass ein Autor zu schmalzig wird. Hier ist das zum Glück kein bisschen der Fall, im Gegenteil lässt einen Bellas trockener, schlagfertiger Humor die Komik an jeder noch so paradoxen Situation erkennen. Der Erzählstil ändert sich im Laufe der Geschichte; genauso, wie Bella auch diverse Veränderungen durchlebt. Er ist immer an ihr Alter angepasst und stellt die Abschnitte dadurch authentisch dar, vor allem, weil man auch in den Abschnitten, in denen Bella 21 oder 37 Jahre alt ist, immernoch die 8-Jährige vom Anfang wieder erkennt.
Dieses Buch ist wirklich ein ganz besonderer Schatz; ich musste lachen, weinen, lachen UND weinen, habe mit Bella mitgefiebert und nebenbei einiges über Autismus gelernt – auch wenn ich finde, dass dieses ja doch spezielle Thema ein wenig zu knapp behandelt wurde und ich einiges googlen musste. Trotzdem ein neues Lieblingsbuch. 5 rosa Wölkchen von mir ♥


Kommentare:

  1. Huhu!
    Ich habe das Buch auch schon gelesen und es hat mir auch super gute gefallen :-)
    lg Sonja

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  2. Die Rezension ist wirklich gut geschrieben, sollte mir mal überlegen ob ich das buch auch mal lese. Gruß Lina
    http://liinasblog.blogspot.com/

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  3. @Sonja: Toll, dass dir das Buch auch gefallen hat :) Freu mich immer, wenn andere meine Leseschätze auch gut finden.

    @Lina: Von mir gibts eine uneingeschränkte Leseempfehlung. Wenn du dir nicht sicher bist, kannst du ja mal bei dir in der Nähe in einer Bibliothek gucken, ob die es haben; dann gibst du erstmal kein Geld dafür aus - so mach ich das immer ;D

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