12.02.2017

[Rezi] Michel Houellebecq - Unterwerfung

Erscheinungsjahr: 2015
Originaltitel: Soumission
Genre: Dystopie
Seitenzahl: 272


Teaser:
Als ich wieder an der Fakultät war, um meine Kurse abzuhalten, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass etwas passieren könnte, dass das politische System, in das ich seit meiner Kindheit hineingewachsen war und das seit einiger Zeit spürbare Risse bekam, mit einem Schlag zu zerspringen drohte.


Handlung
In ein paar wenigen Jahren werden die Wahlen in Frankreich nicht mehr von der rechtsextremen Partei Front National und den liberalen und konservativen restlichen Parteien entschieden, sondern es wird noch eine entscheidende weitere Strömung ins politische Feld eingetreten sein: in Form des Politkers Mohamed Ben Abbes tritt erstmals eine muslimische Partei auf die Bühne. Diese scharrt immer mehr Anhänger um sich und schafft es schließlich als Staatspräsident an die Regierungsspitze gewählt zu werden. So werden zum Teil sukzessiv und zum Teil rasant und offensichtlich nicht nur die westeuropäisch etablierte Staatsorganisation, sondern auch die gesellschaftlichen Werte, auf denen diese aufbaut, umgeworfen und umstrukturiert.

Meine Meinung
Dieser Roman hat hohe Wellen geschlagen - verständlich, scheint er doch die Befürchtungen der "besorgten Bürger" europaweit in einem Szenario auf die Spitze zu treiben. So oberflächlich sollte man dieses Werk aber nicht betrachten. Es handelt sich nicht um einen negativen Zukunftsentwurf, der vor einer möglichen Islamisierung warnt, sondern vielmehr um eine Abrechnung mit der gesamten Gesellschaft - vorrangig mit der intellektuellen Elite eines Landes - und der politischen Parteienlandschaft von links nach rechts. Es würde dem Roman nicht gerecht werden, würde man ihn Wort für Wort lesen und verstehen wollen. Der ironische Unterton, der ihn zu einer - zugegeben wenig komischen - Satire macht, ist zwar sehr zart, aber definitiv vorhanden und muss entsprechend verhandelt werden.

Protagonist und Ich-Erzähler der Geschichte ist der Literaturwissenschaftsprofessor François. Er lehrt an der Universität Paris-Sarbonne und betrachtet seine Arbeit, sein Leben und die politischen Entwicklungen stets auf die gleiche kühle und zynische Art. Obwohl er noch relativ jung und in diesen ominösen besten Jahren ist, ist er sehr ernüchtert und resigniert. Seine wissenschaftliche Karriere empfindet er als mittelmäßig, sein Liebesleben als Sackgasse - weil es halt auch hauptsächlich aus Affären mit seine Studentinnen besteht - und die politische Situation betrachtet er sowieso äußerst skeptisch. Aber weniger aus Besorgnis um die Gesellschaft, sondern aus reinem Egoismus. Wegen des Aufstiegs der muslimischen Partei zieht die Familie seiner aktuellen Liebschaft nach Israel, weil es schwierig für alle Menschen mit jüdischem Glauben wird. Außerdem wird er seiner Lehrtätigkeit enthoben - wie alle Frauen und nicht muslimischen Lehrenden.

Es ist eine sehr bedrohlich wirkende Zeit, in der die etablierten Werte auf dem Prüfstand stehen. Aber niemand scheint bereit, sich aus seiner Bequemlichkeit zu erheben und sich gegen die neuen Machthaber zu stellen. So konnte zwar der rechte Extremismus abgewandt werden, aber nur zum Preis eines religiös geleiteten Staates, der eine gemäßigte Form der Scharia einführt, das Patriarchat etabliert und insgesamt einen riesigen Rückschritt bedeutet. Doch gerade die Eliten bestehen aus Opportunisten, die sich lieber arrangieren. So auch unser Protagonist, der plötzlich gar nicht mehr so viel gegen Polygamie einzuwenden hat und sich durchaus in der Lage sieht, zum Islam zu konvertieren, wenn er dafür seine Anstellung an der islamischen Universität Paris Sarbonne wieder zurück bekommt.

Was ich auch noch wirklich spannend fand und durchaus den negativen Ton etwas relativierend, war die Bedeutung der Literatur in diesem Buch. Für den Protagonisten ist sie ein Spiegel der Gesellschaft, er zieht die Romane des Autors, auf den er sich in seiner Forschung spezialisiert hat, oft zu Rate und erhofft sich dadurch Antworten für seine eigenen Probleme. Und so sollte auch "Unterwerfung" betrachtet werden: Es geht in dem Roman nicht darum, eine Wahrheit darzustellen oder Zukunftsprognosen zu geben. Er will Tendenzen auf die Spitze treiben - aber meiner Meinung nach nicht unbedingt die Tendenzen einer islamisierten Gesellschaft, sondern die Tendenz der westlichen Bevölkerung und vor allem der Intellektuellen zur Resignation und zur Apathie. Es ist provokant, diesen Spiegel von einer muslimischen Machtposition umrahmen zu lassen, aber genau diese Provokation löste die enorme Diskussion aus - über den Roman und damit auch über die Gesellschaft. Dennoch beantwortet der Roman die großen Fragen, die er aufwirft nicht - und welche wirklich großen Romane tun das schon? Am Ende geht es auch ihm darum, sich weder für eine rechtsextreme noch für eine islamisierte Seite instrumentalisieren zu lassen, sondern die errungenen Rechte von freier Meinungsäußerung und individueller, gleichberechtigter Entfaltung zu bewahren.


05.02.2017

[Gerede] Ausflug aus Prinzip

Früher, als ich noch ein kleines Kind war - was nun unleugbar schon einige Jährchen her ist - gab es manchmal einen ganz besonderen Ausflug. Da luden unsere Eltern meine Schwester und mich ins Auto ein und führen eine für den Sonntag ungewöhnliche Strecke. Es ging nämlich nirgendwo anders hin, als zum Gebäude unserer Grundschule. Vor und in diesem hallte unter der Woche an jeder Wand mal fröhliches und mal nicht so fröhliches Kindergeplärr wider, aber an diesen Tagen war es still geworden. Still, aber nicht leer. Denn obwohl es Sonntag war, standen auf dem kleinen Lehrerparkplatz überall Autos herum und kleine Grüppchen von Erwachsenen standen verstreut zusammen und beredeten anscheinend wichtige Dinge.
Sicher kennt ihr das Gefühl, das einem ein leeres Gebäude vermittelt, das eigentlich nicht zum Leer-Sein erbaut wurde. Ein Schulhaus muss voll sein. Voller quirliger Kinder, voller motivierter Lehrer, voller Menschen, die diesen Raum gestalten. Und wenn sich ein solches Gebäude dann ohne all diese Menschen präsentiert, durchschreitet man es irgendwie anders als gewohnt. Andächtiger. Und demütiger. Genauso ging es mir früher an diesen speziellen Sonntagen. Vor allem, weil ich spürte, dass die Erwachsenen hier etwas tun, was Andacht und Demut durchaus verdient hat. Neugierig sah ich dabei zu, wie meine Eltern nacheinander mit seltsamen Zetteln hinter einer Pappwand verschwanden, kurze Zeit später wieder auftauchten und die Zettel in den von unserem Dorfvorsteher (oder so etwas in der Art) bewachten Box warfen. Ich sah diesem Prozedere zu und lauschte danach den Gesprächen, die die Erwachsenen führten. Ob jetzt vielleicht endlich der Spielplatz saniert werden würde. Oder ob der Müller Fritz mit dem unvorteilhaften Wahlplakat überhaupt eine Chance hat, genug Stimmen zu bekommen. So in der Art. Natürlich waren diese Unterhaltungen für eine 7-jährige nicht so spannend wie mit den anderen Kindern auf dem so ungewohnt freien Pausenhof Nachlaufen zu spielen. Aber ich habe sie nicht vergessen. Auch, wenn das anschließende Eisessen noch ein bisschen präsenter in meiner Erinnerung vertreten ist.
Später, als ich dann ein Gespür und ein Interesse für Politik entwickelte, haben wir aus den Wahlsonntagen zwar keine Familienausflüge mehr gemacht. Aber ich beobachtete weiterhin, wie meine Eltern loszogen und nach einer halben Stunde wieder zurückkamen - und ganz nebenbei ihre Stimme abgegeben haben, mit der sie die Lenkung des Kreises, der Stadt, des Bundeslandes oder des Landes in dem sie leben, etwas mitbestimmt haben. Vielleicht waren sie nicht völlig überzeugt von ihrer Wahl, vielleicht empfanden auch sie eine gewisse Ohnmacht angesichts der Politik, vielleicht war auch für sie das Aufraffen zum Wahllokal eine lästige Bürde. Aber diese Ausflüge wurden nie in Frage gestellt. Es sind Wahlen, also wird gewählt.

Natürlich stand außer Frage, was meine erste Amtshandlung sein würde, wenn ich endlich volljährig und auch in diesem auserlesenen Kreis der Wähler aufgenommen war. Zufällig war mein erstes Jahr als vollmündige Bürgerin auch ein Superwahljahr. Bundestag, Europaparlament und auch noch der Landtag wurden gewählt - ganze dreimal durfte ich meine Stimme abgeben. Und jedes mal, wenn ich nach außen hin lässig die Zettel in die Box fallen lies, die immernoch in der Grundschule stand und immernoch von dem selben Mann beaufsichtigt wurde, spürte ich wieder dieses Gefühl von Demut. Denn auch, wenn meine Stimme alleine nichts bewirkt, niemanden beeindruckt und für sich genommen völlig irrelevant ist, so ist sie doch ein Zeichen, das ich gesetzt habe. Dafür, in welcher Gesellschaft ich leben will, welche Werte ich vertrete und vertreten sehen will und dafür, dass ich akzeptiert habe, Teil einer Demokratie zu sein.

Angesichts des Wahljahres 2017 und den Dingen, die in letzter Zeit bei einigen Wahlen - auch dank Protest-Nichtwählern - so herausgekommen sind, wünschte ich, mehr Leute wären wie meine Eltern. Die nicht in Frage stellen, dass gewählt werden muss. Die sich nicht von einer Politikverdrossenheit übermannen lassen, und die halt einfach wählen gehen, weil man gar nicht anders kann.
Jeder, der in einer Gesellschaft leben möchte, die auf Gleichheit, Gerechtigkeit und Toleranz basiert, muss wählen. Wer nicht wählt, wacht mit dem Brexit auf. Wer nicht wählt, wacht mit Trump auf. Wer nicht wählt, überlässt die Wahl und das Feld einer Bewegung, die mich nicht nur maßlos schockiert, sondern auch sehr beunruhigt. Und da ist so ein kleiner sonntäglicher Ausflug wirklich kein großer Aufwand. Aber eine große Sache.

29.01.2017

[Gerede] Warum ein Hobby kein Zeitfresser ist

"Wie schaffst du es nur, dreimal die Woche zum Sport zu gehen und nebenbei auch noch Mützen zu häkeln? Ich habe neben dem Job und dem Studium gar keine Zeit, mich auch noch mit sowas zu beschäftigen."

Solche und ähnliche Unterhaltungen führe ich seit Jahren recht oft. Anfangs haben sie mich verwirrt und mein Zeitmanagement in Frage stellen lassen. Es stimmt, ich könnte wirklich etwas mehr Zeit ins Studium investieren, anstatt jetzt schon wieder an dem Schal für Oma weiterzuarbeiten. Und sollte ich wirklich zum Training gehen, oder doch lieber dieses Essay zu Ende schreiben? Außerdem sieht das Sofa auch wirklich einladend und gemütlich aus. - Vermutlich muss ich euch nicht erst sagen, dass ich mich in 90% der Fälle gegen die Arbeit (und auch gegen das Sofa!) und für die Freizeitaktivität entscheide. 
Trotzdem hatte ich nie oder nur sehr selten das Gefühl, meine Hobbys hätten mir Zeit gestohlen. Im Gegenteil - sie haben mir Zeit geschenkt. Mittlerweile bin ich nämlich zu dem Schluss gekommen, dass es nicht egal ist, wie man seine freie Zeit verbringt. Es ist ein großer Unterschied, ob man nach Feierabend immer nur auf der Couch liegt und sich bei Netflix bis zum Schlafengehen Serien reinzieht, oder ob man sich noch mit etwas beschäftigt, woran das eigene Herz hängt. Hat man so eine Beschäftigung gefunden und schafft sich einen Zeitrahmen, in dem man sich damit beschäftigen kann, dann ist in dieser Zeit keine "Entspannungszeit" verloren, sondern "Motivationszeit" gewonnen.

Wichtig dabei ist die Definition von Hobby. Pflichtschuldig müsste ich jetzt vermutlich diverse Nachschlagewerke zu Rate ziehen und eine spannende Wortgeschichte präsentieren. Aber da mir diese sowieso relativ egal ist, spare ich mir die Arbeit und komme gleich zu meiner eigenen Definition. Diese schließt nämlich alles, was nur aus Input aufnehmen, besteht aus. Fernsehen, in gewissem Maße auch Lesen oder im Internet surfen. Auch, wenn ich all diese Beschäftigungen sehr liebe und (vor allem natürlich Lesen) als adäquate Freizeitgestaltung akzeptiere, ist ein richtiges Hobby für mich etwas mit Output. Es ist egal, um welches Output es sich handelt, aber man muss Energie, Zeit und Herz investieren. Um etwas zu erschaffen. Etwas zu erreichen. Etwas zu erlernen.
Geistige und/oder körperliche Arbeit plus Leidenschaft sind für mich die beiden Bestandteile eines Hobbys. Aktiv etwas tun müssen und wollen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, das ist es, was ein Hobby ausmacht. Dabei kann es sich um einen Review-Blog handeln (dann schaut man Filme und liest Bücher eben doch ganz anders als sich stumpf berieseln zu lassen, weil man schließlich selbst etwas daraus  produzieren möchte), um Kochen, um irgendeinen Sport, um eine neu zu lernende Sprache, um handwerkliches, um Technik, egal um was. Hauptsache, man erhebt sich vom Sofa, arbeitet, scheitert, lernt und schafft sich persönliche Erfolgserlebnisse.

Das klingt jetzt alles schon ziemlich anstrengend. Ist es unter Umständen auch. Aber es ist eine ganz andere Art der Anstrengung als sie beim Job oder bei der Schule gefordert wird. Es ist eine motivierende und vor allem ausgleichende Anstrengung. Dieses Paradoxon wirkt vielleicht etwas befremdlich. Aber wenn man für etwas wirklich brennt und es schafft, zu gewissen Zeiten seine volle Konzentration darauf zu richten und in eine Art Flow zu rutschen, schaltet man alle anderen Aspekte des Lebens temporär aus - die nervigen Kollegen, der stressige Job, das blöde Essen mit der Schwiegermutter, alles ist für eine oder zwei Stunden egal.
So gesehen sind Hobbys nicht nur bereichernd, sondern auch wirklich entspannend. Viel entspannender als der abendliche Fernsehmarathon, bei dem im Hinterkopf doch alle Probleme dauerpräsent sind und weiterhin an einem nagen. Wobei ich natürlich gegen den einen oder anderen Fernsehmarathon auch nichts einzuwenden habe - es ist alle eine Frage der Balance. 

In meine Hobbies stecke ich viel Zeit, das stimmt. Aber eigentlich kriege ich dadurch Zeit zurück. Ich bin (meistens) ausgeglichen, freue mich auf meinen Alltag und kann gut mit Stress umgehen. Eben weil ich weiß, wie ich abschalten kann. Ohne meine Hobbys wäre mein Leben wesentlich stressiger - obwohl ich öfter auf dem Sofa liegen könnte.

20.01.2017

[Rezept] Curry mit Hähnchen und Ananas

Nachdem ich in den letzten Monaten weder die Zeit noch die Nerven fürs Kochen hatte, sondern hauptsächlich von Nudeln mit Soße gelebt habe, erfreue ich mich gerade endlich wieder an der Lust am Kochen und am Essen. 
Das folgende Curry ist zwar nicht unbedingt etwas besonderes, aber eine wahre Geschmacksexplosion, wenn man Ewigkeiten nur eher wenige spannende Pastagerichte (diese Bezeichnung ist maßlos übertrieben) gegessen hat. Nunja. Auch für alle anderen ist es ein leckeres Rezept, um ein bisschen Abwechslung in den Menüplan zu bringen. 

Gebraucht werden
Reis als Beilage
500g Hähnchenbrustfilet
ein Bund Frühlingszwiebeln
1 Dose Ananas in Stücken
etwas Öl
2 EL Honig
Currypulver
100 ml Schlagsahne
200g Frischkäse
Chiliflocken
Knoblauchpulver
Gemüsebrühe
Salz, Pfeffer zum Abschmecken

Außerdem
eine Pfanne
Schneidebrettchen
scharfe Messer

So wird's gemacht
Erst einmal sollte der Reis aufgesetzt werden, der braucht nämlich am längsten. Danach kann mit der Schnippelei begonnen werden: erst das Fleisch in längliche Streifen und dann die Frühlingszwiebeln in Ringe schneiden. Die Ananas kann schonmal abgegossen werden - nicht den kompletten Saft weg gießen, damit wird später die Soße abgeschmeckt.

Als nächstes das Fleisch in etwas Öl scharf anbraten. Frühlingszwiebeln und Honig dazugeben und alles bei mittlerer Hitze kurz weiterbraten. Dann kommen die Ananasstücke, das Knoblauch - und Currypulver dazu und alles darf kurz gemeinsam dünsten.
Anschließend die Sahne und den Frischkäse unterrühren, alles mit Salz, Pfeffer, Gemüsebrühe und etwas Ananassaft abschmecken und zum Schluss die Chiliflocken darüber geben.
Mit dem Reis servieren.

Und so sah es bei mir aus

Da ich normalerweise beim Kochen Knoblauch sehr vermeide, war alleine das Knoblauchpulver hier für mich schon eine geschmackliche Besonderheit. Natürlich kann man auch eine echte Knobi-Zehe nehmen, aber das war mir in diesem Fall zu doll. Chiliflocken habe ich auch gerade erst neu für mich entdeckt und daraufhin habe ich mir vorgenommen, mein Gewürz-Repertoire drastisch zu erweitern. Da liegen ungeahnte Welten vor mir!

11.01.2017

[Review] Wie alte Freunde wiedersehen: Gilmore Girls. A Year in Life

Bei den Gilmore Girls handelt es sich um eine Serie, die mir - genauso wie so vielen anderen - nicht nur Unterhaltungsprogramm war und ist, sondern auch eine Quelle der Inspiration. Ob es sich dabei um Buch- oder Filmtipps handelt, oder zu lernen, wie man rasend schnell komplexe Sätze von sich gibt, diese Serie wird auch nach dem zwanzigsten Mal anschauen einfach nicht langweilig.

Das charismatische Kleinstädtchen Stars Hollow ist zwar ein fiktiver Ort, aber dank seinen schrulligen und einzigartigen Persönlichkeiten wurde es über die sieben Staffeln hinweg zu einer Art gedanklichem Zuhause. Und genau das zeigte sich auch, als ich wie all die anderen Fans Ende letzten Jahres vor dem Fernseher saß, und die vier neuen Folgen anschauen konnte: es war wie nach Hause kommen und alte Freund wieder sehen. Wie haben wir gejubelt, als der Einstiegsdialog der ersten Folge gleich aus einem der berühmten, blitzschnellen Wortwechsel zwischen Rory und Lorelei bestand. Und wie euphorisch haben wir jeden einzelnen der Charaktere begrüßt, wenn er zum ersten Mal wieder aufgetaucht ist. Auf eine Art waren es alle altbekannten Figuren, und gleichzeitig haben sie sich auch sehr verändert - so wie sich insgesamt der ganze Ton und die Atmosphäre der Serie verändert hat.

Aber wie sollte das auch anders sein, nachdem schließlich zehn Jahre vergangen sind. Zehn Jahre, seitdem Rory Logans Heiratsantrag abgelehnt hat und ihren ersten Job als Journalistin ergattern konnte. 10 Jahre, seitdem sie bei Lorelei ausgezogen ist, die gemeinsam mit ihren beiden Freunden Sookie und Michel ein erfolgreiches kleines Hotel geführt und ihre Beziehung zu dem grummeligen aber herzlichen Luke endlich klargemacht hat.
Wie hat sich wohl alles entwickelt? Und wohin verschlägt es unsere Gilmore Girls nach zehn Jahren? Spannende Fragen, auf die die vier neuen Folgen eher durchwachsene Antworten hatte.

Wohl um das allgemeine Zeitgefühl aufzugreifen, dümpeln unsere beiden Mädels mittlerweile relativ ziellos durch ihr Leben. Beide sind nicht zufrieden und haben das Gefühl, dass irgendetwas fehlt. Während Rory ohne festen Wohnsitz als freie Journalistin von Minijob zu Minijob hetzt und sich eigentlich nach etwas stabilerem sehnt, hadert Lorelei mit dem Stillstand, in dem sich ihre Beziehung mit Luke und vor allem ihr Hotel zu befinden scheint. So haben beide zwar höchst unterschiedliche Lebenskonzepte, fühlen sich aber beide nicht erfüllt davon.
Auch Emily steckt in einer Krise fest - allerdings einer wesentlich tragischeren als die anderen beiden. Schließlich ist - wie nach dem traurigen Tod des Schauspielers Edward Herrmann zu erwarten war - ihr Ehemann Richard verstorben. Ohne ihren Mann, mit dem sie 50 Jahre lang ihr Leben geteilt hat, fühlt sie sich nicht nur in dem riesigen Haus, sondern insgesamt in der Welt verloren. 

Es ist im Grunde so: während die ersten beiden der neuen Folgen noch einiges von dem alten Charme versprühen, fokussieren sich die letzten beiden Folgen darauf, zu zeigen, wie unseren Mädels alles entgleitet. Emily trägt plötzlich Jeans (der echte Fan weiß, wie dramatisch diese Tatsache ist), Rory ist mehr oder weniger arbeits- und obdachlos und führt auch noch verschiedene seltsam anmutende Beziehungen und Lorelei wird von einem blinden Aktionismus getrieben, der sie dazu bringt, auf eine Pilgerwanderung zu gehen. Zumindest so in etwa.

Ich habe nun kein Problem damit, wenn Figuren scheitern. Ganz im Gegenteil. Rorys Karriere war nicht nur realistisch dargestellt. Es war außerdem interessant zu sehen, wie sie damit umgeht, wenn nicht alles nach Plan läuft. Dass ihr das eigentlich gar nicht gefällt, konnten wir uns alle denken. Aber wie auch alle anderen hat sich Rory weiterentwickelt und versucht, irgendwie das beste aus ihrer Situation zu machen. Auch, wenn die Realität des Journalismus-Berufs wirklich kein Ponyhof ist.
Womit ich ein Problem habe, ist, wenn Figuren schlichtweg dumm sind und irgendwelche Konflikte herbeigedichtet werden, nur damit es etwas zu erzählen gibt. So wie es bei Lorelei der Fall ist. Da war einiges an unnötigem Raum, der meiner Meinung nach sehr gerne an die Nebenfiguren hätte abgetreten werden können. Die bekommen nämlich leider nur sehr wenig Platz zur Darstellung, was ich wirklich schade fand.

Vermutlich ist das auch mein größter Kritikpunkt: die vier Folgen sind zwar schon in Spielfilmlänge, versuchen aber, unfassbar viel Stoff unterzubringen. Allein die Gilmore Girls selbst könnten die Folgen füllen, aber natürlich dürfen die mindestens ebenso wichtigen Nebencharaktere wie Michel, Paris oder Luke, Miss Patty, Babette, Kirk, Taylor, Lane und wie sie alle heißen, einfach nicht fehlen. Aber leider tun sie das. Vor allem rund um Sookie, Lane und Zack herrscht ein bisschen traurige Stille, aber auch bei allen anderen reichte es leider nur für ein paar kleine Einblicke in ihr jetziges Leben. 
Andererseits war das auch irgendwie das Konzept der neuen Folgen und es illustriert schon auf eine gewisse Art, dass und wie das Leben halt auch in Stars Hollow einfach weitergeht. Aber trotzdem. Es war zu wenig. Und hier spricht nur zu 70% das gierige Fanherz. Mindestens 30% sind ernsthafte Kritik.

Noch eine kleine persönliche Notiz: ich hab es einfach nicht auf die Kette bekommen, dass Rory einfach 32 Jahre als sein soll! Sie verhält sich überwiegend total kindisch - eigentlich sogar wesentlich kindischer als auf der Highschool. Abgesehen davon, dass ich ihre Männerwahl und ihr Umgang mit ihrem Freund als total unnötig und absurd betrachte, hat sie auch eine so verquere Art der Realitätswahrnehmung, es ist wirklich unfassbar.

Was bleibt also noch zu sagen? Ich hab mich sehr gefreut. Durch die vier neuen Folgen konnte ich einem meiner Lieblingsorte aller fiktiven Ort mal wieder einen Besuch abstatten. Und er hat gar nichts an Liebreiz verloren. Dennoch waren die Folgen nur ein Abklatsch der eigentlich Serie und dem, weshalb ich alle Staffeln davon mehrmals angeschaut habe. Und hätte es diesen Bonus nicht gegeben, wäre mein Urteil sicher viel strenger. So war das Anschauen der neuen Folgen wie ein Treffen mit einem alten Bekannten, mit dem man leider nicht mehr viel gemeinsam hat, außer vielen guten Erinnerungen. Aber diese wieder aufzuwecken war das Treffen durchaus wert.